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Trauer verstehen — was sie ist und was sie nicht ist
Trauer ist die normale Reaktion auf einen bedeutsamen Verlust. Sie ist kein Defizit, keine Krankheit, kein Problem, das schnell gelöst werden muss. Sie ist Arbeit — und sie braucht Zeit, Raum und mitfühlende Begleitung. Wer Trauer als Defizit denkt, pathologisiert eine gesunde Reaktion und schadet damit den Trauernden.
Gleichzeitig gibt es Verläufe, in denen Trauer in eine Form übergeht, die professionelle Hilfe benötigt. Die anhaltende Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder, PGD) ist seit 2018 in der ICD-11 als eigenständige Diagnose aufgenommen. Sie ist abzugrenzen von „normaler" Trauer und benötigt psychotherapeutische Behandlung. Genauere Kriterien siehe Sektion 5.
Inhalt: Worden-4-Aufgaben · Stroebe/Schut Dual Process · Setting in der Trauerbegleitung · Sitzungs-Aufbau (5 Bausteine) · Genogramm-Spezifika bei Trauer · Krisen-Indikatoren · Wann Übergabe an Psychotherapie · Selbstfürsorge der Begleiter:in · FAQ · Druckhinweis · Sitzungs-Pocket · Quellen.
1. Aktuelle Trauer-Modelle im Überblick
### Worden — Vier Trauer-Aufgaben (Tasks of Mourning)
J. William Worden hat in „Beratung und Therapie in Trauerfällen" (deutsche Ausgabe Hogrefe/Huber) das Vier-Aufgaben-Modell entwickelt. Es ist ausdrücklich kein lineares Phasen-Modell — die Aufgaben können nebeneinander, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und wiederkehrend bearbeitet werden.
1. Den Verlust akzeptieren — die Realität des Todes. Begreifen, dass der Tod tatsächlich eingetreten ist und der Verstorbene nicht zurückkommt. Häufig zu erkennen an der wiederholten Frage nach Details des Todes; an Verhaltensweisen, die so tun, als wäre nichts geschehen (Telefonnummer behalten, gleiche Routinen aufrechterhalten); an dem Bedürfnis, immer wieder die Geschichte zu erzählen.
2. Den Schmerz der Trauer durchleben. Den emotionalen, körperlichen und kognitiven Schmerz wahrnehmen, statt ihn zu betäuben. Die Begleiter:in unterstützt, indem sie den Schmerz nicht abwehrt, nicht relativiert, nicht beschleunigt. „Auch das gehört dazu" ist tragender als „Du musst weiterleben".
3. Sich an die Welt ohne die verstorbene Person anpassen. Die Rollen-, Identitäts- und Sinn-Anpassung. Wer war ich in Bezug auf den Verstorbenen? Wer bin ich jetzt? Welche praktischen Aufgaben (Behörden, Finanzen, neuer Tagesablauf) müssen neu strukturiert werden? Welche Identitäts-Fragen (Witwer, Verwaiste, kinderlos gewordene Mutter) müssen integriert werden?
4. Eine emotionale neue Verbindung zum/zur Verstorbenen finden und im Leben weitergehen. Das ist eine Erweiterung von Worden in späteren Auflagen — kein „Loslassen", sondern ein Finden eines neuen, lebbaren Verhältnisses zur verstorbenen Person. Sie behält ihren Platz im Leben des/der Trauernden, ohne den weiteren Lebensweg zu blockieren.
### Stroebe & Schut — Dual Process Model
Margaret Stroebe und Henk Schut (1999) haben das Dual Process Model of Coping with Bereavement entwickelt, das heute weithin als empirischer Standard gilt. Trauer ist demnach ein Pendeln zwischen zwei Bewältigungs-Orientierungen:
- Verlust-orientierte Bewältigung — sich dem Schmerz, der Erinnerung, der Trauer zuwenden. Erzählen, weinen, Bilder anschauen, an das Grab gehen.
- Wiederherstellungs-orientierte Bewältigung — sich dem Leben nach dem Verlust zuwenden. Neue Rollen einüben, praktische Aufgaben erledigen, soziale Kontakte pflegen, manchmal Vermeidung der Trauer.
Gesunde Trauer pendelt zwischen beiden Modi — sie ist nicht permanenter Schmerz und nicht permanenter Funktionsmodus. Wer dauerhaft in einem Modus festhängt, hat Schwierigkeiten: nur Verlust-orientiert → Erstarrung in der Trauer; nur Wiederherstellung-orientiert → unverarbeitete Trauer, die später zurückkommt.
Für die Begleitung bedeutet das: Beide Modi sind „gesund". Die Begleiter:in unterstützt das Pendeln, nicht die Festlegung auf einen Modus.
2. Setting und Auftragsklärung in der Trauerbegleitung
Wer kommt zur Trauerbegleitung? Hinterbliebene nach Tod eines nahen Menschen — Partner:in, Eltern, Kind, Geschwister, Freund:in. Auch Menschen nach traumatischem Verlust (Suizid in der Familie, Tötungsdelikt, Schwangerschafts- oder Säuglingsverlust), nach erwartetem Verlust (langes Sterben in Pflege), nach Mehrfachverlust (Pandemie, Unfall, Katastrophe). Auch Menschen vor dem absehbaren Verlust (antizipative Trauer, palliative Begleitung).
Setting-Entscheidungen.
- Einzel-Setting ist Standard, besonders bei intimem Verlust.
- Familien-Setting sinnvoll, wenn das Genogramm mit der ganzen Familie gezeichnet werden soll, bei Trauer um ein Kind oder bei Familien-übergreifenden Verlusten.
- Gruppen-Setting (Trauergruppe) hilft vor allem bei Isolation und „Niemand-versteht-mich"-Erleben — gehört aber in spezialisierte Hände (BVT-zertifiziert).
- Online-Setting funktioniert für viele Klient:innen; wichtig: ruhige Umgebung auf beiden Seiten, technisch stabil.
Frequenz und Dauer.
- Anfangsphase oft wöchentlich, später alle zwei Wochen, dann monatlich.
- Eine Begleitung dauert in der Regel 3 bis 12 Monate. Bei komplexen oder traumatischen Verlusten länger.
- Bei Verdacht auf anhaltende Trauerstörung oder Komplikation: Übergabe an psychotherapeutisches Setting (siehe Sektion 5).
Auftragsklärung im ersten Gespräch.
- „Was hat Sie hierhergeführt? Wer ist gestorben, wann, unter welchen Umständen?"
- „Was wünschen Sie sich von dieser Begleitung?"
- „Was soll meine Rolle hier sein — wo soll ich Ihnen zur Seite stehen, wo nicht?"
- Honorar, Frequenz, Vertraulichkeit, Abgrenzung zu Therapie klären.
3. Aufbau einer Sitzung — fünf Bausteine
Trauer-Sitzungen folgen einem typischen Aufbau, der dem Pendeln zwischen Verlust- und Wiederherstellungs-Modus Rechnung trägt.
### Baustein 1 — Begrüßung und Ankommen (5–10 Min)
Bewusst leise beginnen. Trauernde tragen viel mit sich — Hektik vor der Tür macht es schwerer. „Wie sind Sie heute hier? Was beschäftigt Sie?" — ohne Erwartung an eine bestimmte Antwort. Manchmal ist die Antwort „Heute geht es" und das wäre dann gut. Manchmal überflutet die Trauer in den ersten Worten — auch das ist gut.
### Baustein 2 — Rückblick auf die Woche (10–15 Min)
„Was war seit unserer letzten Sitzung?" — bewusst offen. Wichtig: nicht symptom-orientiert nachfragen („Hatten Sie wieder Schlafstörungen?"), sondern erleben-orientiert („Was war diese Woche besonders schwer, was war erträglich, was hat überrascht?").
Hier zeigt sich oft das Pendeln zwischen den Modi: Erzählungen über schmerzliche Erinnerungen mischen sich mit Berichten über erledigte Aufgaben, neue Bekanntschaften, kleine Schritte.
### Baustein 3 — Hauptarbeit (20–30 Min)
Je nach Bedarf und Phase:
- Erzähl-Raum — die Klient:in erzählt von der verstorbenen Person, von der Beziehung, von gemeinsamen Erlebnissen. Begleiter:in hört zu, fragt nach Details, validiert.
- Genogramm-Arbeit — die verstorbene Person und ihre Stellung im Familiensystem werden visualisiert. Mehrgenerationale Trauer-Linien werden sichtbar (siehe Sektion 4).
- Ritual-Impuls — gemeinsam einen kleinen Ritual-Schritt überlegen (Brief schreiben, Foto-Box, Grab-Besuch, Erinnerungs-Karte).
- Konkretes Anliegen — manchmal kommt die Klient:in mit einer akuten Frage („Wie sage ich den Kindern, dass es Weihnachten ohne Papa gibt?"), die im Mittelpunkt steht.
- Ressourcen-Inventur — bewusst nach dem fragen, was hält und trägt. „Wer steht Ihnen heute zur Seite? Was hat Ihnen in den letzten Wochen gutgetan?"
### Baustein 4 — Sicherung und Abschluss (5–10 Min)
„Was nehmen Sie heute mit?" Bewusst nicht „Was haben wir erreicht?" — Trauerbegleitung kennt keine „Erfolge" im üblichen Sinn. Stattdessen: Was war heute wichtig?
Konkrete Verabredung für die Woche — oft ein kleiner, milder Auftrag: „Achten Sie diese Woche einmal darauf, wann Sie sich an Ihre Mutter erinnern und es nicht nur weh tut, sondern auch wärmt."
### Baustein 5 — Nachbereitung der Begleiter:in (15 Min, nach der Sitzung)
Trauer-Sitzungen wirken nach. Eigene Reflexion: Was hat das Gespräch in mir bewegt? Welche Themen waren mir nahe — meine eigenen Verlusterfahrungen? Gibt es etwas, das ich in Supervision bringen muss?
Konkretes Beispiel — der Ritual-Impuls. Eine Witwe, sechs Monate nach dem Tod ihres Mannes, kommt in die fünfte Sitzung. Sie erzählt, dass sie seinen Geburtstag nicht mehr „begeht" — er war eine Woche nach dem Tod. Die Begleiterin schlägt vor: „Vielleicht braucht der Geburtstag dieses Jahr eine eigene kleine Form. Was würde Ihrem Mann gefallen?" Die Klient:in überlegt — er hat gern alte Filme gesehen. Sie beschließt, am Geburtstag seinen Lieblingsfilm zu schauen, allein, mit einem Glas seines Lieblingsweins. Das ist kein „Erfolg" — aber ein gemeinsam gefundener Schritt, der Realität (Aufgabe 1), Schmerz (Aufgabe 2) und neue Verbindung (Aufgabe 4) berührt.
Konkretes Beispiel — Hauptarbeit als Erzähl-Raum. Eine Klient:in trauert um ihre Mutter, die nach langer Demenz gestorben ist. Sie braucht in der dritten Sitzung nur eines: erzählen. Eine Stunde Erzählung über die Mutter vor der Krankheit, über deren Lachen, deren Strenge, deren Lieblingsessen. Die Begleiterin sagt fast nichts — nur „erzählen Sie weiter" und „was kommt jetzt?". Am Ende: „Ich habe heute nichts gemacht — aber ich habe meine Mutter wiedergesehen." Das ist trauerarbeit auf die direkteste, wirksamste Art.
Wann das Genogramm in die Sitzung kommt. Nicht in jeder Sitzung. Eine erste Genogramm-Skizze gehört in die Erstphase, danach wird das Genogramm punktuell wieder aufgenommen — wenn eine Mehrgenerationen-Frage aufkommt, wenn die Klient:in nach Mustern fragt, wenn ein Aspekt der verstorbenen Person noch nicht visualisiert ist. Genogramm als Trauer-Werkzeug ist langsam — eine Person, eine Beziehung, ein Ereignis pro Sitzung reicht oft.
4. Genogramm-Arbeit bei Trauer und Mehrfachverlusten
Das Genogramm ist in der Trauerbegleitung mehr als ein diagnostisches Werkzeug — es wird zur Erinnerungs- und Verbundenheits-Karte. Drei Spezifika sind wichtig.
Verstorbene werden eingezeichnet, nicht weggelassen. Im Standard-Genogramm werden Verstorbene mit X markiert und das Todesjahr eingetragen. In der Trauerbegleitung kann das Genogramm zusätzlich mit besonderen Markierungen versehen werden — eine umrandete Person für „besonders wichtig", eine Doppellinie für „Verbindung besteht weiter".
Mehrgenerationale Trauer-Muster. Bei Trauer ist die Frage, wie in früheren Generationen mit Verlust umgegangen wurde, hochrelevant. Wurden Verluste in der Familie betrauert oder beschwiegen? Gibt es ungetrauerte Verluste, die als „Familien-Atmosphäre" weitergegeben wurden? Wer hat in der Familie die Rolle der Trauer-Tragenden übernommen?
Frage-Anregungen:
- „Wer in Ihrer Familie hat schon mal jemanden verloren — und wie?"
- „Wurde in Ihrer Familie über Verluste gesprochen?"
- „Gibt es Personen in der Familie, deren Tod nie richtig betrauert wurde?"
- „Wenn Ihre Großmutter heute hier wäre — wie würde sie auf Ihre Trauer schauen?"
Mehrfachverluste. Wenn mehrere Menschen in kurzer Zeit verstorben sind (Pandemie, Unfall, Katastrophe), wird das Genogramm zur Übersichts-Karte. Welche Person fehlt seit wann? Welche Verluste sind „durcheinander" gegangen? Was musste verschoben werden, weil zu viel auf einmal kam?
Suizid in der Familie. Wenn die verstorbene Person durch Suizid gestorben ist, ändern sich Trauer-Dynamik und Stigma. Im Genogramm darf das benannt werden, wenn die Klient:in es so wünscht. Häufig: Schuldgefühle, Scham, Familien-Tabu. Spezielle Hilfen über AGUS (Angehörige um Suizid) oder lokale Suizid-Hinterbliebenen-Gruppen.
Methodischer Hinweis: Genogramm-Arbeit in der Trauerbegleitung ist langsamer als in anderen Settings. Eine einzelne Sitzung kann an einer Person, einer Beziehung, einem Ereignis hängen bleiben — das ist kein Mangel, sondern Tiefe.
5. Krisen-Indikatoren und Übergabe an Psychotherapie
Trauerbegleitung ist nicht Trauer-Therapie. Es gibt Konstellationen, in denen das Begleitungs-Setting nicht mehr ausreicht und an eine psychotherapeutisch qualifizierte Stelle übergeben werden sollte.
Indikatoren für anhaltende Trauerstörung (Prolonged Grief Disorder, ICD-11 6B42).
- Verlust liegt mindestens 6 Monate (Erwachsene) bzw. 12 Monate (Kinder) zurück
- Intensive Sehnsucht nach der/dem Verstorbenen oder anhaltende Beschäftigung mit ihr/ihm
- Mindestens eines der folgenden Symptome in klinisch relevantem Ausmaß: emotionaler Schmerz, Schuldgefühle, Wut, Verleugnung, Schwierigkeiten, neue Aktivitäten oder Beziehungen aufzunehmen, Sinnverlust, Taubheit, soziale Isolation
- Erhebliche Funktionsbeeinträchtigung in Beruf, Familie, sozialem Bereich
Wenn diese Kriterien erfüllt scheinen: Hinweis auf psychotherapeutische Diagnostik. Spezialisierte Trauer-Therapie (z.B. Komplizierte Trauer-Therapie nach Shear) ist wirksam.
Indikatoren für akute Suizidalität.
- Aktive Suizidgedanken mit Plan, Mittel, Zeit
- „Ich will zu meinem Mann/Kind" — als konkreter Handlungswunsch, nicht als symbolische Sehnsucht
- Vorbereitung (Testament, Verschenken von Gegenständen, Verabschiedungs-Gespräche)
- Frühere Suizidversuche, psychiatrische Vorgeschichte
Bei akuter Suizidalität sofort: ärztlicher Bereitschaftsdienst (116 117), bei unmittelbarer Gefahr Notruf (112) oder psychiatrische Notaufnahme. Die Schweigepflicht tritt nach § 34 StGB zurück; Güterabwägung dokumentieren.
Indikatoren für traumatische Trauer.
- Verlust durch Gewalt, Suizid, Unfall, Katastrophe
- Anwesenheit der Klient:in beim Sterben unter traumatischen Umständen
- Wiederholte intrusive Bilder, Flashbacks, körperliche Anspannungs-Symptome
- Vermeidungs-Verhalten, das den Alltag massiv einschränkt
Hier ist trauma-fokussierte Psychotherapie (EMDR, kognitive Verhaltenstherapie für PTBS, Schematherapie) indiziert. Trauerbegleitung kann parallel sinnvoll sein, ersetzt aber die Therapie nicht.
Wie wird übergeben?
- Klar und respektvoll: „Ich glaube, was Sie gerade erleben, braucht eine andere Form von Hilfe als die, die ich anbieten kann."
- Konkrete Vermittlung: Name einer Praxis oder Beratungsstelle, nicht nur „Suchen Sie sich jemanden".
- Bei Bedarf parallel-laufende Begleitung anbieten, wenn die Klient:in das wünscht.
- Niemals als Abweisung formulieren — die Übergabe ist ein Akt der Sorgfalt, nicht des Aufgebens.
6. Selbstfürsorge der Begleiter:in
Trauerbegleitung berührt eigene Verlusterfahrungen — die früher erlebten, die noch zu erlebenden. Wer in diesem Feld arbeitet, ohne darauf zu achten, brennt aus.
Drei Praktiken, die helfen.
1. Eigene Verluste kennen. Wer die eigene Verlust-Biografie nicht reflektiert hat, wird im Begleitungs-Gespräch unbewusst getriggert. Eigene Trauer-Reflexion ist Bestandteil der Trauerbegleitungs-Ausbildung (BVT, Trauerinstitute) — und sollte regelmäßig aufgefrischt werden, weil sich neue Verluste anschließen.
2. Supervision in Anspruch nehmen. Trauerbegleitung gehört in regelmäßige Supervision — Fall-Supervision oder Gruppe. Nicht weil etwas „nicht gut läuft", sondern weil das Feld systematisch belastet.
3. Bewusste Abgrenzung im Alltag. Sitzungen abschließen — symbolisch, körperlich. Spaziergang nach einer schwierigen Sitzung. Eigene Lebensbereiche pflegen, die nichts mit Tod und Verlust zu tun haben. Sich von der Vorstellung freimachen, eine Person „retten" zu müssen.
Warnzeichen für Überforderung.
- Schwierigkeiten, Sitzungen zu verlassen — das Gespräch klingt stundenlang nach.
- Eigene Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit.
- Gedanken kreisen außerhalb der Sitzung um bestimmte Klient:innen.
- Vermeidungs-Verhalten — bestimmte Sitzungen werden „aufgeschoben" oder „abgesagt".
Bei mehreren dieser Zeichen über mehrere Wochen: Eigene Therapie oder Supervisions-Intensivierung. Im akuten Erschöpfungsfall: Reduktion der Klient:innen-Last, ggf. Pause aus dem Trauer-Feld.
FAQ — Sechs zentrale Fragen aus der Praxis
1. Wie lange dauert „normale" Trauer?
Es gibt keine festgelegte Dauer. Die intensive akute Phase nach einem nahen Verlust kann Wochen bis viele Monate dauern. Die Auseinandersetzung mit dem Verlust kann sich über Jahre erstrecken — was nicht pathologisch ist. Erst wenn nach 6 Monaten (Erwachsene) bzw. 12 Monaten (Kinder) klinisch relevante Funktionsbeeinträchtigung besteht und die Trauer-Symptomatik intensiv bleibt, sollte an PGD gedacht werden.
2. Soll ich die verstorbene Person im Gespräch beim Namen nennen?
Ja, wenn die Klient:in das tut. Die Person zu benennen ist Anerkennung ihrer Existenz und Bedeutung. „Ihre Mutter" oder „Frau XY" — beides ist passend. Wenn die Klient:in es vermeidet, nicht erzwingen — manche brauchen Zeit, bis der Name wieder ausgesprochen werden kann.
3. Was, wenn die Klient:in nach Sinn fragt — „Warum gerade jetzt? Warum gerade ihr/ihm?"
Sinnfragen sind in der Trauer zentral. Berater:innen haben keine fertigen Antworten — und sollten keine anbieten. „Diese Frage stelle ich mir auch oft" oder „Ich weiß auch nicht — aber ich höre Ihnen zu, während Sie nach einer Antwort suchen" ist tragender als jede Erklärung. Religiös-spirituelle Sinngebung darf die Klient:in formulieren, wenn sie es so erlebt — die Berater:in moderiert, ohne eigene Position aufzudrängen.
4. Was tun, wenn die Klient:in über die verstorbene Person spricht, als wäre sie noch da?
Das ist nicht pathologisch — viele Trauernde behalten innere Dialoge mit der verstorbenen Person, sprechen mit ihrem Foto, fragen sie um Rat. Das passt zu Wordens vierter Aufgabe (neue emotionale Verbindung). Begleitung: das wahrnehmen lassen, würdigen, nicht „korrigieren". Wenn die Klient:in aber so tut, als wäre die Person noch lebend (Telefonnummer behalten, Termine machen, kein Trauerakt), kann das auf eine Schwierigkeit mit Wordens erster Aufgabe hinweisen — behutsam thematisieren.
5. Soll ich bei Trauer um ein Kind anders vorgehen?
Ja. Der Verlust eines Kindes ist eine der intensivsten Trauer-Erfahrungen, mit hoher Belastung der elterlichen Beziehung (oft Trennung im Verlauf), Geschwister-Belastung, und Identitäts-Krise („Bin ich noch Mutter / Vater?"). Spezialisierte Beratung sinnvoll (Verwaiste Eltern und Geschwister e.V., regionale Trauergruppen für verwaiste Eltern). Schwangerschafts- und Säuglingsverlust haben eigene Spezifika — Frühchen-Initiative, regionale Hebammen-Beratung. Bei Bedarf Übergabe oder Co-Begleitung.
6. Was, wenn ich selbst gerade einen Verlust verarbeite?
Frische eigene Trauer und Trauerbegleitung anderer schließen sich oft aus — die eigene Schwerkraft ist zu groß, das Gegenüber zu nahe. Empfehlung: Auszeit aus dem Trauer-Feld, andere Beratungs-Felder weiterführen, mit Supervisor:in Zeitpunkt für Wieder-Einstieg klären. Wer eigene unverarbeitete Trauer mitschleppt, ist als Begleiter:in nicht wirksam und schadet sich selbst.
Sitzungs-Pocket zum Mitnehmen
Die folgenden Seiten enthalten ausdruckbares Material für die Trauer-Sitzung. Sie können diese Seiten neben sich legen und während des Gesprächs als Anker und Notiz-Bogen nutzen.
- Seite 1 — Worden-Aufgaben & Sitzungs-Bausteine als Übersicht.
- Seite 2 — Sitzungs-Notizen-Bogen mit Linien für die Hauptpunkte.
- Die Erläuterungen zu jedem Punkt finden Sie auf den vorhergehenden Seiten.
Worden — Vier Trauer-Aufgaben (nichtlinear)
| Aufgabe | Worum es geht |
|---|---|
| 1. Realität akzeptieren | Den Tod begreifen, der Verstorbene kommt nicht zurück |
| 2. Schmerz durchleben | Trauer-Gefühle wahrnehmen, statt sie zu betäuben |
| 3. Anpassung an die neue Welt | Rollen, Identität, Alltag neu strukturieren |
| 4. Neue innere Verbindung finden | Verstorbene behält ihren Platz, Leben geht weiter |
Stroebe & Schut — Pendeln
Verlust-orientiert ↔ Wiederherstellungs-orientiert — beides ist gesund, das Pendeln ist das Werk.
Sitzungs-Bausteine
| Baustein | Zeit | Kernfrage |
|---|---|---|
| 1. Begrüßung & Ankommen | 5–10' | „Wie sind Sie heute hier?" |
| 2. Rückblick auf die Woche | 10–15' | „Was war diese Woche schwer? Was war erträglich?" |
| 3. Hauptarbeit | 20–30' | Erzähl-Raum / Genogramm / Ritual / Anliegen |
| 4. Sicherung & Abschluss | 5–10' | „Was nehmen Sie heute mit?" |
| 5. Nachbereitung | 15' nach | Eigene Resonanz, Supervision-Notiz |
Krisen-Indikatoren — sofort handeln
- ☐ Akute Suizidalität (Plan, Mittel, Zeit)
- ☐ Anhaltende Trauerstörung (Symptome > 6 Mon.)
- ☐ Traumatische Trauer (PTBS-Symptome)
- ☐ Suchtmittel als Bewältigung
Kontakte (Stand 2026)
- Telefonseelsorge 0800 111 0 111
- Ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117
- Notruf (Rettungsdienst) 112
- Nummer gegen Kummer (Kinder) 116 111
- Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) bv-trauerbegleitung.de
- Deutscher Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) dhpv.de
- AGUS — Angehörige um Suizid agus-selbsthilfe.de
- Verwaiste Eltern und Geschwister e.V. veid.de
Datum / Klient:in-Code / Sitzungs-Nr.
Wer ist gestorben? Wann? Seit wie lange?
Baustein 1+2 — Ankommen / Rückblick auf die Woche
Baustein 3 — Hauptarbeit (Worden-Aufgabe, die heute bearbeitet wird)
- ☐ Aufgabe 1 — Realität akzeptieren
- ☐ Aufgabe 2 — Schmerz durchleben
- ☐ Aufgabe 3 — Anpassung an die neue Welt
- ☐ Aufgabe 4 — Neue innere Verbindung finden
Pendel-Beobachtung (Stroebe/Schut): überwiegend …
- ☐ verlust-orientiert (Schmerz, Erinnerung, Sehnsucht)
- ☐ wiederherstellungs-orientiert (neue Aufgaben, Funktion)
- ☐ ausgewogen pendelnd
Krisen-Check — Auffälligkeiten?
Baustein 4 — Was nimmt Klient:in mit?
Nächster Termin / Vereinbarung
Eigene Resonanz / Supervision-Notiz
Quellen und weiterführende Literatur
- Worden, J. William: Beratung und Therapie in Trauerfällen. Deutsche Ausgabe Hogrefe/Huber. Originaltitel „Grief Counseling and Grief Therapy". Vier Trauer-Aufgaben (Tasks of Mourning) als nichtlineares Aufgabenmodell.
- Stroebe, Margaret & Schut, Henk (1999): The Dual Process Model of Coping with Bereavement. Death Studies. Pendeln zwischen verlust- und wiederherstellungs-orientierter Bewältigung — heute weithin anerkannter empirischer Standard.
- Rechenberg-Winter, Petra / Fischinger, Ester: Kursbuch systemische Trauerbegleitung. Vandenhoeck & Ruprecht. Standardwerk für systemische Trauerbegleitung im DACH-Raum.
- V&R — ÜbungsRaum Trauerbegleitung. Praktische Übungen für Begleiter:innen.
- V&R — Trauerforschung: Basis für praktisches Handeln. Aktueller Forschungsstand, einschließlich kritischer Reflexion historischer Phasen-Modelle.
- DGSF Wissensportal — Trauer in der systemischen Supervision (2008). Frei zugänglich (dgsf.org/service/wissensportal).
- Bundesverband Trauerbegleitung (BVT) (bv-trauerbegleitung.de). Berufsverband mit Qualifikations-Standards und Trauerbegleiter:innen-Verzeichnis.
- Deutscher Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) (dhpv.de). Hospiz- und Palliativ-Versorgung, Trauerangebote.
- Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (dgpalliativmedizin.de). Palliativ-medizinischer Kontext, Familien-Begleitung am Lebensende.
- AGUS — Angehörige um Suizid (agus-selbsthilfe.de). Spezialisierte Selbsthilfe nach Suizid in der Familie.
- Verwaiste Eltern und Geschwister e.V. (veid.de). Selbsthilfe und Beratung nach Tod eines Kindes.
- ICD-11, Code 6B42 — Prolonged Grief Disorder. Diagnose-Kriterien für anhaltende Trauerstörung (seit 2018 in der ICD-11).
- Shear, M. Katherine et al.: Treatment of Complicated Grief. JAMA. Komplizierte Trauer-Therapie als psychotherapeutische Behandlungsform für PGD.
- § 203 StGB — Schweigepflicht; § 34 StGB — rechtfertigender Notstand bei akuter Suizidalität.
- Hinweis Kübler-Ross. Das fünfphasige Modell wurde für Sterbende formuliert, nicht für Hinterbliebene. Aktuelle Trauer-Forschung stützt eine lineare Phasen-Anwendung auf Trauer nicht — Worden und Stroebe/Schut sind heute der Standard. Kübler-Ross kann historisch erwähnt, sollte aber nicht als diagnostisches oder prognostisches Modell der Trauerbegleitung verwendet werden.
Stand der Quellen 2026-06-03. Trauerbegleitung sollte mit zertifizierter Ausbildung erfolgen. Fortbildungen u.a. über BVT, Trauerinstitute (z.B. Trauerinstitut Deutschland), regionale Hospiz-Akademien und systemische Weiterbildungs-Institute.