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Wozu eine Phasen-Struktur?
Eine 60-Minuten-Sitzung ohne innere Struktur wird leicht zu einer „Anekdoten-Sammlung mit Therapie-Verdacht". Klient:innen erzählen viel; Berater:innen nicken viel; am Ende wundern sich beide, was eigentlich passiert ist. Eine Phasen-Struktur schützt vor diesem Effekt — sie zwingt die Berater:in, Übergänge bewusst zu setzen, und sie gibt den Klient:innen eine implizite Sicherheit darüber, „wo wir gerade sind".
Wichtig: Es gibt nicht das eine richtige Phasen-Modell. Die hier verwendete Heuristik in fünf Phasen ist eine pragmatische Synthese aus:
- Heidelberger Modell (Schlippe/Schweitzer) — Begrüßung, Anliegen, Exploration, Intervention, Abschluss
- Mailänder Modell (Selvini Palazzoli et al.) — Pre-Session, Session, Inter-Session, Intervention, Post-Session
- Lösungsorientierte Sitzungs-Struktur (de Shazer/Berg) — Was war besser, Ressourcen, Skala, Schritt, Komplimente
Die Mailänder Phasen-Logik setzt eine Co-Therapie / ein reflektierendes Team voraus — daher hier in eine Solo-Sitzung übersetzt. Die Originalstrukturen sind in der Literatur (siehe Quellen) nachzulesen.
Inhalt: Pro Phase eine eigene Sektion · Variationen für Erst-, Folge- und Abschlusssitzung · Sechs typische Schwierigkeiten · FAQ · Druckhinweis · Praxis-Pocket als Tisch-Karte · Quellen.
Phase 1 — Ankommen, Rahmen, Aktualisierung (ca. 5–10 Min)
Ziel. Die Klient:in kommt im Raum an, schaltet vom Alltag in den Beratungs-Kontext, und die Berater:in gewinnt einen ersten Eindruck vom aktuellen Zustand. Bei Folgesitzungen schließt sich der Bogen zur letzten Sitzung.
Was passiert konkret?
- Begrüßung. Sitzplatz, Wasser, kurze Pause für das Ankommen.
- „Wie geht es Ihnen heute?" — bewusst offen, kein Symptom-Check.
- Bei Folgesitzungen: „Was hat sich seit unserer letzten Sitzung getan?" — Anschluss an die Hausaufgabe oder den letzten Gedanken.
- Bei akut belastetem Eindruck: nicht in den Plan einsteigen, sondern bei der aktuellen Belastung bleiben.
Beispielfragen.
- „Was beschäftigt Sie heute am meisten?"
- „Womit sollen wir starten — bei dem Gedanken, den wir letztes Mal hatten, oder bei dem, was diese Woche passiert ist?"
- „Auf einer Skala von 1 bis 10 — wie steht es heute?" (besonders bei Therapien mit fortlaufender Symptommessung)
Typische Schwierigkeiten.
- Klient:in erzählt sofort dreißig Minuten Alltag. → Höflich, aber bestimmt unterbrechen: „Ich höre, dass viel passiert ist. Worüber wollen wir heute wirklich sprechen?"
- Klient:in „kommt nicht an" (zerstreut, abwesend). → Konkrete Erdungsfrage: „Wie sind Sie hierher gekommen heute? Was haben Sie unmittelbar davor gemacht?"
- Berater:in selbst nicht präsent (vorherige Sitzung nachklingen lassend). → Vor der Sitzung 3 Minuten Pause einplanen; Atemübung.
Konkretes Beispiel. Eine Klient:in kommt zur dritten Sitzung. Eintritt mit angespanntem Gesicht, abgenutzter Tasche, leichter Atemnot. Berater:in sagt nichts, deutet auf den Stuhl, schiebt Wasser hin. Erst nach 30 Sekunden: „Schön, dass Sie da sind. Wie sind Sie heute hier?" — Klient:in atmet aus, beginnt mit einem Satz über die Anfahrt. Das ist Phase 1 — sie hat fast keine Worte gebraucht, aber funktioniert.
Mailänder Variante. In Settings mit reflektierendem Team beginnt die Sitzung mit einer kurzen Pre-Session der Berater:innen (5 Min), in der erste Hypothesen aus der vorigen Sitzung aktualisiert werden. Die Klient:in tritt erst danach ein. Solo-Berater:innen können das durch eine bewusste 3-Minuten-Vorbereitung simulieren — letzte Notiz lesen, Hypothese auffrischen, eigene Atemübung.
Phase 2 — Anliegen klären und fokussieren (ca. 10–15 Min)
Ziel. Aus dem allgemeinen Gespräch wird ein bearbeitbares Thema für diese Sitzung. Die Klient:in priorisiert (manchmal mit Hilfe), die Berater:in formuliert eine Arbeitshypothese.
Was passiert konkret?
- Klient:in schildert das aktuelle Thema in ihren Worten.
- Berater:in stellt klärende und zirkuläre Fragen (Tomm: linear → zirkulär → reflexiv).
- Auftragsklärung: „Was wäre für Sie ein gutes Ergebnis dieser Sitzung?"
- Berater:in formuliert eine Arbeitshypothese (intern, eventuell auch transparent).
Beispielfragen.
- Lineare Fragen: „Wann ist das zum letzten Mal so gewesen?", „Wer war beteiligt?"
- Zirkuläre Fragen: „Wenn Ihre Mutter heute hier säße — was würde sie sagen?", „Wer in Ihrer Familie weiß davon?"
- Reflexive Fragen: „Was würde sich ändern, wenn das Problem verschwände?"
- Lösungsorientierte Frage: „Gab es eine Ausnahme — eine Situation, in der das Problem NICHT auftrat?"
Typische Schwierigkeiten.
- Klient:in bleibt im Problem-Trance-Modus, sieht keine Ausnahmen, keine Bewegung. → Skalenfrage einsetzen („Heute 3, wann war es schon mal 5?").
- Mehrere Themen sind gleichberechtigt drängend. → Klient:in wählen lassen: „Welches Thema brennt am meisten?" Andere Themen explizit „auf den Tisch der nächsten Sitzung legen".
- Berater:in hat eine Hypothese und steuert das Gespräch in deren Richtung. → Selbstkontrolle: „Höre ich noch zu oder bin ich schon im Plan?"
Konkretes Beispiel — Tomms vier Fragetypen in der Anwendung. Anliegen: „Mein Sohn und ich streiten dauernd."
- *Linear (Informationen sammeln):* „Wann ist der letzte Streit gewesen? Worum ging es?"
- *Zirkulär (Beziehung sichtbar machen):* „Wenn Ihre Frau hier säße — wie würde sie den Streit beschreiben?", „Was würde Ihr Sohn auf die gleiche Frage antworten?"
- *Strategisch (Veränderung anregen):* „Was wäre, wenn Sie beim nächsten Mal ganz anders reagierten — was würde Ihr Sohn dann tun?"
- *Reflexiv (Ressourcen erweitern):* „Stellen Sie sich vor, der Streit ist eine Schutzfunktion — was bewahrt er möglicherweise?"
Die vier Frage-Arten werden bewusst gemischt, nicht in fester Reihenfolge eingesetzt. Berater:innen mit wenig Erfahrung neigen dazu, in linearen Fragen zu bleiben — das macht die Sitzung zur Sachverhalts-Klärung statt zur Reflexion.
Phase 3 — Genogramm-Arbeit und vertiefende Exploration (ca. 15–25 Min)
Ziel. Das Thema wird in den biografisch-familiären Kontext gestellt. Das Genogramm dient als visuelles Hilfsmittel, um Muster sichtbar zu machen — Wiederholungen über Generationen, Rollen-Zuschreibungen, Beziehungs-Qualitäten.
Was passiert konkret?
- Wenn noch nicht vorhanden: erste Genogramm-Skizze (3 Generationen).
- Wenn vorhanden: gemeinsam vor dem Genogramm sitzen, Anliegen aus Phase 2 dort einordnen.
- Mehrgenerationen-Fragen: „Wer in Ihrer Familie hat ein ähnliches Thema?", „Wie wurde das in der vorherigen Generation gemacht?"
- Beziehungs-Linien (eng, konfliktreich, distanziert) prüfen und vertiefen.
- Lebensereignisse (Verluste, Geburten, Umzüge, Krisen) zeitlich verorten und auf Zusammenhang zum aktuellen Thema prüfen.
Beispielfragen.
- „Wenn ich Ihre Großmutter fragen würde, wie sie mit so einer Situation umgegangen ist — was glauben Sie, würde sie sagen?"
- „Wer in Ihrer Familie hatte schon einmal so eine Lebenslage? Wie ist es da ausgegangen?"
- „Wenn wir uns das Genogramm anschauen — fällt Ihnen ein Muster auf?"
- „Welche unausgesprochene Regel gibt es in Ihrer Familie zum Thema XY?"
Typische Schwierigkeiten.
- Klient:in weiß wenig über frühere Generationen. → Hypothetisch arbeiten: „Was vermuten Sie? Was passt zu Ihrem Bild?"
- Genogramm wird zur Trauer-Aktivierung (Verluste, schwierige Familiengeschichten). → Tempo herausnehmen, ggf. in Phase 4 wechseln, später mit Genogramm weitermachen.
- Berater:in verliert sich in Familien-Details, das aktuelle Anliegen verschwindet. → Selbstkontrolle: „Was hat das mit dem Anliegen von heute zu tun?"
Wichtig: Genogramm-Arbeit kann starke emotionale Reaktionen auslösen. Trauer, Wut, Scham. Wenn das passiert: nicht durchziehen. Validieren, in Phase 4 wechseln, später entscheiden, ob Genogramm-Arbeit fortgesetzt wird.
Konkretes Beispiel — Genogramm als Reflexions-Werkzeug. Eine Klient:in mit Burnout, alleinerziehend, „ich kann nicht mehr". Im Genogramm zeigt sich: die Mutter war ebenfalls alleinerziehend, die Großmutter Witwe. Drei Frauen-Generationen ohne unterstützenden Partner, alle in Helferinnen-Rollen. Berater:in zeigt mit dem Finger auf das Muster im Genogramm: „Hier — drei Generationen. Was bedeutet das für Sie?" — Klient:in: erste Reaktion oft Schweigen, dann Tränen, dann eine neue Perspektive: „Ich habe immer gedacht, ich versage. Aber ich mache es ja, wie es bei uns gemacht wird."
Solche Muster-Reflexionen sind die Stärke des Genogramms in Phase 3. Sie wirken nicht durch Wissen, sondern durch Sichtbarkeit.
Phase 4 — Hypothesenbildung, Intervention, Reframing (ca. 10–15 Min)
Ziel. Aus der Exploration entstehen Hypothesen — über das Problem-System, über die Funktion des Symptoms, über mögliche Bewegungen. Daraus folgt eine Intervention: ein Reframing, eine neue Sicht, eine Verhaltensanregung, eine paradoxe Intervention oder ein Ritual-Vorschlag.
Was passiert konkret?
- Berater:in teilt eine vorläufige Hypothese (oder zwei alternative), eingeleitet mit „Was mir auffällt …" oder „Eine Möglichkeit wäre …".
- Klient:in reagiert — annimmt, modifiziert, lehnt ab.
- Wenn die Hypothese trägt: Intervention konkretisieren. Z.B. Reframing („Vielleicht ist Ihr Sich-Zurückziehen kein Symptom, sondern eine alte Schutz-Strategie."), kleine Verhaltens-Aufgabe, Beobachtungs-Auftrag.
- Lösungsorientierter Ansatz: kleinster nächster Schritt herausarbeiten („Was wäre das kleinste sichtbare Zeichen, dass es vorwärts geht?").
Beispielfragen und Formulierungen.
- „Wenn ich eine Hypothese formulieren dürfte, wäre es diese — wie passt das zu Ihrem Empfinden?"
- „Was glauben Sie, würde Ihre Familie sagen, wenn Sie sich anders verhalten würden?"
- „Stellen Sie sich vor, das Problem ist gelöst — wer in Ihrer Familie wäre dann am meisten überrascht? Wer am wenigsten?"
- „Wenn Sie sich heute Nacht hinlegen und morgen ist alles ein bisschen anders — woran würden Sie es als Erstes merken?"
Typische Schwierigkeiten.
- Berater:in formuliert die Hypothese als Diagnose („Sie haben ein Bindungsproblem"). → Hypothesen sind hypothetisch und werden so formuliert.
- Klient:in lehnt jede Hypothese ab. → Nicht durchsetzen — Klient:in als Expert:in für sich selbst ernst nehmen. Ggf. „Lassen Sie uns die Hypothese noch ein bisschen sitzen lassen — vielleicht passt sie morgen besser oder gar nicht."
- Intervention wird zu einer ausgedehnten Erklärung mit „erhobenem Zeigefinger". → Eine Anregung, ein Bild, ein Satz — mehr nicht.
Konkretes Beispiel — Reframing. Klient:in: „Ich bin in der Familie immer die, die alles ausgleicht. Es macht mich kaputt." — Berater:in (Reframing): „Was Sie da machen, ist eine sehr alte Aufgabe in Familien — die der Vermittlerin. Sie haben sie offenbar so gut gemacht, dass Sie heute deren Preis spüren. Vielleicht ist die Frage nicht, ob Sie diese Aufgabe abgeben, sondern wie Sie sie anders ausüben können." — Das ist nicht „positive Umdeutung" im billigen Sinn, sondern eine andere Lesart der bisherigen Strategie. Erst diese Anerkennung der Strategie macht oft eine Bewegung möglich.
Konkretes Beispiel — paradoxe Intervention. Klient:in, der sich permanent unter Druck setzt, alles richtig zu machen. — Berater:in: „Ich habe eine Anregung, die Ihnen vielleicht komisch vorkommt. Versuchen Sie diese Woche absichtlich, dreimal etwas absichtlich falsch zu machen. Eine Mail mit Tippfehler senden. Eine Frage nicht beantworten. Schauen Sie, was passiert." — Paradoxe Interventionen müssen mit Bedacht und nur bei einer tragfähigen Beziehung eingesetzt werden, sonst wirken sie zynisch.
Phase 5 — Abschluss und Hausaufgabe (ca. 5–10 Min)
Ziel. Die Sitzung wird verdichtet, die Klient:in nimmt etwas Konkretes mit, der nächste Termin ist vereinbart. Die letzten Minuten haben großen Anteil am Erinnerungswert der Sitzung — sie sind nicht „Resterampe", sondern strukturelle Verdichtung.
Was passiert konkret?
- „Was nehmen Sie heute mit? Was war für Sie das Wichtigste?"
- Berater:in fasst kurz zusammen — nur, wenn Klient:in es nicht von sich aus tut.
- Hausaufgabe / Beobachtungs-Auftrag (optional): konkret, klein, durchführbar.
- Folgetermin vereinbaren. Bei Bedarf Honorar / organisatorische Punkte klären.
- Verabschiedung — aufstehen, zur Tür begleiten.
Beispiele für Hausaufgaben.
- Beobachtungs-Auftrag: „Notieren Sie bis zur nächsten Sitzung dreimal, wann das Problem NICHT da war. Schreiben Sie nicht, warum — schreiben Sie nur, was Sie gemacht haben."
- Verhaltens-Experiment: „Probieren Sie für eine Woche aus, dass Sie auf die Frage Ihrer Mutter mit ‚Ich denke nach' antworten, statt sofort zu reagieren."
- Symbol-Aufgabe: „Suchen Sie sich diese Woche einen Gegenstand, der Ihr Anliegen symbolisiert, und stellen Sie ihn an einen sichtbaren Ort."
- Geno-Recherche: „Reden Sie diese Woche mit einer Person aus Ihrer Familie über XY und fragen Sie, was sie dazu weiß."
Typische Schwierigkeiten.
- Klient:in „läuft aus dem Raum" — keine Verdichtung möglich. → Beim nächsten Mal früher mit Phase 5 starten, Zeit-Anker (Uhr sichtbar) setzen.
- Hausaufgabe ist zu groß / zu komplex / passt nicht zum Anliegen. → Lieber keine als eine schlechte. Klient:innen, die Hausaufgaben nicht machen, lassen sich dadurch nicht für die nächste Sitzung gewinnen.
- Berater:in kommt mit eigener Zusammenfassung — Klient:in kommt nicht zum eigenen Schluss. → Schweigen aushalten. „Was nehmen Sie mit?" ist eine wirksame Frage; die Antwort braucht oft 30 Sekunden Stille.
Mailänder Variante: In Settings mit reflektierendem Team werden in Phase 5 die Team-Beobachtungen als „Brief an die Familie" formuliert — eine separate Disziplin, die hier nicht ausgeführt wird. Siehe Boscolo et al.
Konkretes Beispiel für eine gelungene Hausaufgabe. Eine Klient:in arbeitet seit drei Sitzungen am Thema „Ich nehme mir nie Zeit für mich". Vorherige Hausaufgaben („Nehmen Sie sich eine Stunde pro Woche") sind nicht umgesetzt worden. Berater:in formuliert in dieser Sitzung anders: „Beobachten Sie diese Woche nur — wann es Ihnen gelingt, sich auch nur fünf Minuten Zeit für sich zu nehmen. Schreiben Sie kein Vorhaben auf, sondern was tatsächlich passiert." — Das ist eine Beobachtungs-Aufgabe statt einer Aktions-Aufgabe. Sie kann nicht „misslingen", aktiviert aber Selbst-Wahrnehmung. Das ist die häufig wirksamere Form.
Phase 5 im Familien-Setting. Wenn mehrere Personen anwesend sind, gehört zu Phase 5 die Frage an jede Person: „Was nehmen Sie heute mit?" — und das Aushalten, dass die Antworten unterschiedlich sind. Ein gemeinsamer Auftrag ist oft nicht möglich oder nicht sinnvoll. Stattdessen: pro Person eine kleine Beobachtungs-Aufgabe, die ihren eigenen Anteil im System berührt.
Variationen für verschiedene Sitzungstypen
Das Fünf-Phasen-Modell ist flexibel. Je nach Sitzungstyp verschieben sich die Schwerpunkte.
### Erstgespräch
- Phase 1 kürzer (kein Anknüpfungspunkt), aber Joining länger.
- Phase 2 ist hier vor allem Auftrags- und Setting-Klärung.
- Phase 3 wird zur ersten Genogramm-Erhebung (siehe separate Vorlage „Erstgespräch-Leitfaden").
- Phase 4 zurückhaltend — Hypothesen-Vorschau eher als Hypothesen-Verdichtung.
- Phase 5 enthält den Beratungsvertrag, die DSGVO-Einwilligung und den ersten Folgetermin.
### Folgesitzung
- Phase 1 mit Rückbezug zur letzten Sitzung.
- Phase 2 enger fokussiert, weil Vorgeschichte bekannt.
- Phase 3 mit Genogramm-Vertiefung oder neuen Mustern.
- Phase 4 inhaltlich am stärksten ausgebaut.
- Phase 5 mit konkreter Verlinkung zur nächsten Sitzung.
### Abschlusssitzung
- Phase 1 als bewusst gesetzter Rückblick.
- Phase 2 als „Wo stehen wir jetzt, wo standen wir am Anfang?".
- Phase 3 als Gesamtschau am Genogramm: Was hat sich verändert, was bleibt?
- Phase 4 mit Reflexion: Was hat geholfen, was nicht?
- Phase 5 als bewusste Verabschiedung, ggf. mit „Abschluss-Brief" oder Übergabe eines Symbol.
### Krisen-Sitzung
- Phase 1 kann die gesamte Stunde füllen — Ankommen, Sicherheit, Stabilisierung.
- Phase 2 wird zur Lage-Klärung: Was ist passiert, was ist akut?
- Phase 3 entfällt oder wird verschoben — Genogramm-Arbeit ist in der akuten Krise nicht hilfreich.
- Phase 4 als Verhandlung einer kurzfristigen Stabilisierungs-Strategie.
- Phase 5 mit konkretem Notfall-Plan und Anschluss-Vereinbarung.
### Paar-Sitzung
- Phase 1 mit beiden Partner:innen — beide ankommen lassen, gleiche Sprechzeit.
- Phase 2 mit der Frage: „Worüber wollen Sie heute sprechen?" — Antworten beider gegenüberstellen.
- Phase 3 mit Beziehungs-Dynamiken im Genogramm (eigene Familien beider Partner:innen, Übertragungs-Muster).
- Phase 4 zielt auf Beziehungs-Bewegung, nicht individuelle Hypothese.
- Phase 5 mit kleinem gemeinsamem Beobachtungs-Auftrag, der die Partner:innen ins Gespräch bringt.
Sechs typische Schwierigkeiten in der Sitzungs-Struktur
1. Die Sitzung „zerrinnt". Nach 50 Minuten ist die Berater:in immer noch in Phase 2, ohne dass es zu Genogramm oder Hypothese gekommen ist. — Lösung: Aktiv Phasen-Übergänge markieren. „Wir haben jetzt 20 Minuten in der Anliegen-Klärung — lassen Sie uns das, was wir bis jetzt haben, zusammen ansehen."
2. Klient:in bringt jede Sitzung ein neues Akutproblem. Die Beratung kommt nie in die Tiefe. — Lösung: In Phase 2 explizit ansprechen. „Mir fällt auf, dass wir jede Woche bei einem anderen Thema landen. Wollen wir uns für die nächsten 3 Sitzungen auf ein Thema festlegen?"
3. Berater:in vergisst die Genogramm-Arbeit über die Zeit. Nach 5 Sitzungen ist das anfänglich gezeichnete Genogramm in der Akte verschwunden. — Lösung: Genogramm bei jeder Sitzung sichtbar auf den Tisch legen. Wenigstens fünf Minuten pro Sitzung damit arbeiten.
4. Phase 4 wird zur Belehrung. Berater:in „erklärt" der Klient:in das System. — Lösung: Hypothesen explizit hypothetisch formulieren („Ich frage mich, ob …"). Klient:in als Expert:in für sich selbst behandeln.
5. Hausaufgaben werden nicht gemacht. Klient:in kommt jede Woche ohne den letzten Auftrag. — Lösung: Nicht ungewertet hinnehmen, sondern thematisieren: „Was ist passiert, dass die Aufgabe nicht möglich war? Was sagt uns das?"
6. Berater:in selbst ist „auf Autopilot". Schemata laufen ab, aber die Sitzung lebt nicht. — Lösung: Supervision. Bewusst eine Sitzung pro Woche „anders" gestalten — eine ungewohnte Frage, eine andere Reihenfolge, ein Schweigen.
FAQ — Sechs zentrale Fragen aus der Praxis
1. Muss ich alle fünf Phasen in jeder Sitzung durchziehen?
Nein. Das Modell ist Heuristik, nicht Dogma. In Krisen-Sitzungen kann Phase 1 die ganze Stunde füllen. In Abschluss-Sitzungen kann Phase 5 ausgedehnt werden. Wichtig ist die innere Klarheit: Wo bin ich gerade? Habe ich eine Hypothese? Wann hört das Anliegen-Klären auf?
2. Wie genau halte ich die Zeitanker ein?
Nicht pedantisch. Die Zeitangaben sind Orientierung — wenn Phase 2 nach 12 statt 15 Minuten zur Lösung kommt, ist das gut, nicht zu früh. Hilfreich: eine Wand-Uhr im Blick haben, eigene Stille zur Mitte der Sitzung, bewusste Phase-5-Eröffnung mit „Wir haben noch zehn Minuten — was wäre Ihnen jetzt wichtig?"
3. Was, wenn ich in Phase 4 keine Hypothese habe?
Häufig. Mehrere Optionen: (a) eine ehrliche „Was-mir-jetzt-noch-fehlt"-Aussage formulieren — Klient:innen erleben das oft als entlastend; (b) die Klient:in selbst nach ihrer Erklärung fragen („Was glauben Sie, woher das kommt?"); (c) Phase 4 weglassen und stattdessen Phase 5 erweitern — Verdichtung als eigenständige Intervention.
4. Wann nutze ich Mailänder Phasen statt der hier beschriebenen?
Die ursprüngliche Mailänder Pre-/Session/Inter-/Post-Session-Struktur setzt ein Team voraus. Im Solo-Setting nicht 1:1 anwendbar. Wer in Co-Therapie oder mit reflektierendem Team arbeitet, sollte sich an die Original-Struktur halten (Boscolo et al.). Im Solo-Setting ist die hier beschriebene fünfphasige Struktur die praktikable Variante.
5. Kann ich die Phasen-Struktur auch in Gruppen- oder Familien-Settings nutzen?
Ja, mit Anpassungen. In Familien-Settings braucht Phase 1 deutlich länger (jede Person ankommen lassen). Phase 2 wird zur Auftrags-Klärung mit mehreren Personen — wessen Anliegen ist es? Phase 3 nutzt das Genogramm oft direkt im Raum (Aufstellung, Skulptur). Phase 4 zielt auf System-Bewegung, nicht individuelle Hypothese. Phase 5 muss alle Teilnehmenden einbinden.
6. Wie dokumentiere ich eine Sitzung in 3 Sätzen?
Standard-Vorschlag: Satz 1 — Was war das Anliegen heute? Satz 2 — Welche Hypothese ist im Raum? Satz 3 — Welche Hausaufgabe / nächster Schritt? Mehr braucht es in der laufenden Dokumentation nicht. Für vertiefte Reflexion separates Supervisions-Tagebuch.
Phasen-Karte als Tisch-Karte
Die folgende Seite enthält die Fünf-Phasen-Übersicht als ausdruckbare Tisch-Karte für die Sitzung. Sie können diese Seite herauslösen, neben sich legen und während des Gesprächs als Anker nutzen.
- Fünf Phasen-Boxen mit Zeitanker, Kernfragen und Was-passiert-hier-Hinweisen.
- Notizen-Linien für die wichtigsten Stichworte der Sitzung.
- Die Erläuterungen zu jeder Phase finden Sie auf den vorhergehenden Seiten.
| Phase | Zeit | Kernfrage |
|---|---|---|
| 1. Ankommen & Aktualisierung | 5–10' | „Wie geht es Ihnen heute?" / „Was hat sich getan?" |
| 2. Anliegen klären & fokussieren | 10–15' | „Worüber sollten wir heute sprechen?" / „Was wäre ein gutes Ergebnis?" |
| 3. Genogramm & Exploration | 15–25' | „Wer hat in Ihrer Familie schon mal so was erlebt?" / „Welches Muster fällt auf?" |
| 4. Hypothese & Intervention | 10–15' | „Was mir auffällt … wie sehen Sie das?" / „Stellen Sie sich vor, das wäre gelöst — was wäre dann anders?" |
| 5. Abschluss & Hausaufgabe | 5–10' | „Was nehmen Sie heute mit?" / „Wie geht es konkret weiter?" |
Sitzungs-Notizen
Datum / Klient:in-Code / Sitzungs-Nr.
Phase 1 — Aktualisierung (was hat sich getan?)
Phase 2 — Heutiges Anliegen
Phase 3 — Genogramm-Beobachtungen, Muster
Phase 4 — Hypothese / Intervention
Phase 5 — Was nimmt Klient:in mit / Hausaufgabe / Folgetermin
Quellen und weiterführende Literatur
- Schlippe, Arist von / Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I — Das Grundlagenwissen. Vandenhoeck & Ruprecht. Sitzungsstrukturierung im systemischen Setting (Heidelberger Modell).
- Tomm, Karl (1987): Interventive Interviewing I — Strategizing as a Fourth Guideline. Family Process 26. Phasenlogik des Interviews.
- Tomm, Karl (1988): Interventive Interviewing III. Family Process 27, 1–15. Vier Fragetypen (linear, zirkulär, strategisch, reflexiv) als Sitzungswerkzeug.
- Boscolo, Luigi / Cecchin, Gianfranco / Hoffman, Lynn / Penn, Peggy: Milan Systemic Family Therapy. Sitzungsformat der Mailänder Schule (Pre-Session, Session, Inter-Session, Intervention, Post-Session).
- de Shazer, Steve / Berg, Insoo Kim: Lösungsorientierte Kurzzeittherapie. Carl-Auer. Lösungsorientierte Sitzungsstruktur (Was war besser, Skalenfragen, Kompliment).
- Hogrefe Dorsch — Lexikon der Psychologie: Stichwort „Mailänder Modell". Frei online.
- Carl-Auer Systemisches Lexikon — Stichwörter „Hypothetisieren", „Lösungsfokussierung", „Zirkuläres Fragen" (carl-auer.de/magazin/systemisches-lexikon).
- DGSF Wissensportal — Fachartikel zu Sitzungsstrukturen und Phasen-Modellen (dgsf.org/service/wissensportal).
- McGoldrick, Monica / Gerson, Randy / Petry, Sueli (2020): Genograms — Assessment and Treatment, 4. Auflage. W. W. Norton. Anwendung des Genogramms in laufenden Sitzungen.
Stand der Quellen 2026-06-03. Die fünf Phasen sind ein didaktisches Raster — kein verbindliches Standardmodell der systemischen Verbände. Verschiedene Schulen zählen anders (3 Phasen bei Lösungsorientierung, 6 Phasen bei klassischer Mailänder Struktur). Bei eigenständiger Anwendung Schulen-Bezug bewusst wählen und reflektieren.