Familienskulptur — Anleitung für die systemische Beratungspraxis — Vorlagen & Materialien - GenoEasy
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Familienskulptur — Anleitung für die systemische Beratungspraxis

Praxis-Anleitung für die seriöse systemische Familienskulptur in der Tradition Satir / Papp / Duhl und der Strukturaufstellung nach Sparrer / Varga. Mit 5-Phasen-Ablauf, Indikationen, Kontraindikationen und explizite Abgrenzung von Hellinger-Aufstellungen (DGSF-Distanzierung 2003).

Format: PDF Version: 1.0 Stand: 2026-06-03 Lizenz: CC BY 4.0 Sprache: DE

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Familienskulptur — Anleitung für die systemische Beratungspraxis

GenoEasy-Vorlage · Version 2.0 · Stand 2026-06-03 · Lesedauer ca. 20 min

Praxis-Material für systemische Berater:innen, Therapeut:innen, Familienhelfer:innen mit methodischer Grundausbildung. Diese Vorlage führt durch die seriöse systemische Familienskulptur in der Tradition Virginia Satirs, Peggy Papps und Bunny Duhls — sowie die Strukturaufstellungs-Arbeit nach Sparrer/Varga von Kibéd. Sie grenzt sich ausdrücklich von der Familienaufstellung nach Bert Hellinger ab.

Was ist eine Familienskulptur?

Die Familienskulptur ist eine systemische Methode, mit der die emotionale Struktur eines Familien-Systems räumlich sichtbar gemacht wird. Familien-Mitglieder (oder Stellvertreter:innen, oder Figuren auf dem Tisch) werden in Bezug zueinander positioniert — nach Nähe und Distanz, Blickrichtung, Körperhaltung. Was im Gespräch oft abstrakt bleibt, wird im Raum unmittelbar erfahrbar.

Die Methode wurde in den 1960er und frühen 1970er Jahren parallel entwickelt: Virginia Satir (Conjoint Family Therapy, 1964) integrierte Skulpturen in ihre Arbeit mit Familien und nutzte sie zur Sichtbarmachung von Kommunikationsmustern und Selbstwert-Themen. Peggy Papp (Ackerman Institute, New York) erweiterte die statische Skulptur zur Familien-Choreografie — Bewegung im Raum als Information. Bunny und Frederick Duhl (Boston Family Institute) systematisierten die Skulpturarbeit als strukturiertes Verfahren.

Im deutschsprachigen Raum haben András Wienands, Corinna Onnen-Isemann und Vera Bähr die Methode weitergetragen und für Beratung, Therapie und Sozialarbeit aufgearbeitet. Eine wichtige Weiterentwicklung sind die systemischen Strukturaufstellungen von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd, die methodisch sauber und phänomenologisch reflektiert mit Stellvertreter:innen in Gruppen arbeiten.

Abgrenzung zur Aufstellungsarbeit nach Bert Hellinger. Die DGSF hat sich 2003 öffentlich von Hellingers Methode und Haltung distanziert. Kritisiert wurden insbesondere: die direktive Position der Aufstellungs-Leitung, das Konzept einer absoluten „Ordnung", die fehlende Ergebnisoffenheit, problematische Inszenierungen bei Holocaust-, Missbrauchs- und Gewalt-Themen, und das Fehlen anerkannter Wirksamkeits-Evidenz. Diese Vorlage empfiehlt Hellinger-Aufstellungen ausdrücklich NICHT. Die hier vorgestellten Verfahren sind Skulpturarbeit nach Satir / Papp / Duhl und Strukturaufstellungen nach Sparrer / Varga — phänomenologisch reflektiert, ergebnisoffen, methodisch transparent.

Inhalt: Theoretischer Hintergrund · Vorbereitung und Setting · Indikationen und Kontraindikationen · 5-Phasen-Ablauf · Häufige Stolpersteine · Wann NICHT mit Aufstellung arbeiten · FAQ · Druckhinweis-Cover · 2-Seiten Praxis-Pocket mit Phasen-Karte und Checkliste · Quellen.


Vorbereitung und Setting

Raumgröße. Sie brauchen einen Raum, in dem mindestens 4–6 Personen frei stehen und sich bewegen können — ohne Tische in der Mitte. Für Tisch-Skulpturen (Figuren) reicht ein normaler Beratungsraum.

Material (variantenabhängig). Für lebende Skulpturen: Stühle als Marker, Bodenanker (Klebeband / Tücher). Für Tisch-Skulpturen: Figuren (Playmobil, Holz-Klötze, Steine), Karten als Beschriftung. Für Gruppen-Arbeit mit Stellvertreter:innen: leerer Raum, ggf. Sitzkissen.

Zeit. Eine Skulptur braucht mindestens 60 Minuten — Auftragsklärung, Aufstellung, Empfindungs-Abfrage, Veränderungs-Bild, Integration, Nachgespräch. Plan 90 Minuten ein, wenn Sie Spielraum haben.

Schutz und Vertraulichkeit. Bei lebenden Skulpturen mit Familien-Mitgliedern: ausdrückliches Einverständnis aller Beteiligten. Bei Stellvertreter-Arbeit: klare Vereinbarung, dass Stellvertreter:innen aussteigen dürfen. Keine Aufnahmen ohne schriftliche Zustimmung.

Methodische Qualifikation. Die folgende Anleitung ersetzt keine Ausbildung. Für seriöse Skulpturarbeit empfehlen wir mindestens eine systemische Grundausbildung (DGSF / SG anerkannt) und Erfahrung als Stellvertreter:in / Klient:in in einer Skulptur, bevor Sie sie selbst leiten.


Indikationen und Kontraindikationen

Wann Skulpturarbeit besonders hilfreich ist.

  • Wenn das verbale Gespräch festgefahren ist und ein Perspektivwechsel sich nicht einstellt.
  • Wenn Klient:innen Schwierigkeiten haben, Beziehungs-Konstellationen in Worte zu fassen.
  • Wenn ein systemisches Muster (Triangulierung, parentifizierte Kinder, abgeschnittene Familien-Mitglieder) klar besprochen werden soll.
  • Bei Übergängen: Auszug, Trennung, Geburt, Tod, Pflege — wenn die Familien-Struktur sich neu sortieren muss.
  • In der Selbsterfahrung von Berater:innen (in Ausbildungs-Gruppen) zur eigenen Familien-Reflexion.

Wann Skulpturarbeit kontraindiziert ist.

  • Bei akuter Psychose oder schwerer Dissoziation — die räumliche Inszenierung kann verstärkend wirken.
  • Bei akuter Suizidalität — Stabilisierung und konkrete Bindung gehen vor.
  • Bei frischer Trauer (weniger als 6–12 Monate) — die Skulptur kann re-traumatisieren.
  • Bei akut traumatischen Belastungen ohne hinreichende Stabilisierung — die Methode braucht Halt.
  • Wenn nicht alle Beteiligten freiwillig zustimmen — Skulpturen unter Zwang sind gewaltvoll, nicht heilsam.
  • Bei methodischer Unsicherheit der leitenden Person — lieber ein anderes Verfahren als eine schlecht geleitete Skulptur.

Der 5-Phasen-Ablauf

Die folgende Struktur ist aus der Tradition Satir / Papp / Duhl und der Strukturaufstellung nach Sparrer / Varga abgeleitet. Sie ist eine Orientierung, kein Skript — die Reihenfolge kann angepasst werden.

Phase 1 — Auftragsklärung (10–15 min)

Ziel. Sie klären gemeinsam mit der Klient:in: Wozu die Skulptur, was soll sichtbar werden, was wäre ein gutes Ergebnis?

Vorgehen. Erfragen Sie das konkrete Anliegen („Ich verstehe nicht, warum ich mit meiner Mutter so oft streite, obwohl ich sie liebe"). Konkretisieren Sie den Zeitraum („Die jetzige Situation? Damals als Kind? Ein typischer Sonntag?"). Klären Sie wer dazugehört (alle Familien-Mitglieder oder ein Ausschnitt). Klären Sie das Setting (lebende Stellvertreter:innen / Tisch-Figuren / Boden-Anker). Holen Sie das Einverständnis zur Skulpturarbeit explizit ein.

Achten Sie auf. Verallgemeinerungen („alles ist immer gleich") in konkrete Bilder überführen. Klient:innen, die zu viel auf einmal wollen, auf einen Ausschnitt fokussieren.

Phase 2 — Auswahl (5–10 min)

Ziel. Die Stellvertreter:innen / Figuren werden ausgewählt und benannt.

Vorgehen. Bei lebenden Skulpturen in der Gruppe: Die Klient:in wählt selbst Personen aus dem Kreis und sagt, wen sie repräsentieren („Du bist meine Mutter, du bist mein Vater, du bist mein Bruder"). Bei Tisch-Skulpturen: Die Klient:in wählt Figuren („Mein Vater ist dieser kleine, alte Holz-Klotz"). Bei Boden-Ankern: Die Klient:in legt Tücher oder Karten aus.

Achten Sie auf. Die Auswahl ist bereits Information — wen die Klient:in zuerst wählt, wen zuletzt, wen vielleicht vergisst. Nicht kommentieren, nur beobachten.

Phase 3 — Aufstellung & Standbild (15–25 min)

Ziel. Die Klient:in positioniert die Stellvertreter:innen / Figuren räumlich nach ihrem subjektiven Erleben. Das entstehende Bild wird wahrgenommen.

Vorgehen. Die Klient:in nimmt jede Person / Figur einzeln und stellt sie auf — mit Position, Blickrichtung, Körperhaltung. Wenn die Skulptur steht: Klient:in tritt zurück und betrachtet das Bild. Sie selbst (die Klient:in) wird zuletzt positioniert — oder bewusst außerhalb gelassen. Bei lebenden Skulpturen fragen Sie dann die Stellvertreter:innen nach ihren Empfindungen („Wie fühlt es sich an, hier zu stehen?") — das ist die phänomenologische Resonanz.

Achten Sie auf. Lange Pausen aushalten. Nicht interpretieren. Die Klient:in entscheidet, wann genug Information da ist. Bei Empfindungs-Abfragen: körperliche Wahrnehmungen vor Deutungen („eng in der Brust" vor „ich fühle mich übergangen").

Phase 4 — Veränderungs-Bild (15–25 min)

Ziel. Aus der Diagnose-Skulptur wird eine Wunsch- oder Lösungs-Skulptur. Die Klient:in verändert das Bild Schritt für Schritt in eine Richtung, die sich richtig anfühlt.

Vorgehen. Fragen Sie: „Wenn Sie das Bild verändern könnten — was wäre ein erster kleiner Schritt?" Lassen Sie die Klient:in eine Veränderung machen, das Bild wirken — dann fragen Sie alle Stellvertreter:innen erneut: „Wie ist es jetzt für Sie?" Iterieren Sie behutsam. Manche Veränderungen sind groß (eine Person verlässt das Bild), manche minimal (ein halber Schritt zur Seite). Das Bild ist fertig, wenn die Klient:in spürt: „So fühlt es sich richtig an."

Achten Sie auf. Nicht zu schnell auf eine Lösung drängen. Die Klient:in muss die Veränderung gestalten — Sie sind nicht Choreograf:in, sondern Begleitperson.

Phase 5 — Integration und Abschluss (10–15 min)

Ziel. Die Erfahrung wird gewürdigt, verankert und in den Alltag überführt.

Vorgehen. Die Klient:in nimmt die letzte (Wunsch-)Position ein und spürt nach. Sie ggf. „verankert" diese Position mit einer Geste, einem Satz, einem Bild. Bei Stellvertreter:innen-Skulpturen: Aussteigen — die Stellvertreter:innen legen ihre Rolle ausdrücklich ab, kehren in sich selbst zurück (ein Satz wie „Ich bin nicht mehr deine Mutter, ich bin wieder Anna"). Dann Nachgespräch mit der Klient:in: Was war wichtig? Was nehmen Sie mit? Was wollen Sie sich für die nächste Woche aufschreiben?

Achten Sie auf. Das Aussteigen der Stellvertreter:innen ist nicht Pflichtformalität — ohne es können Stellvertreter:innen die Empfindungen lange mitnehmen. Konkrete Aufträge in den Alltag formulieren. Das nächste Treffen / die nächste Sitzung verankern.


Setting-Varianten — vier typische Konstellationen

Die Methode kennt mehrere Realisierungs-Formen, die sich nach Setting, Anzahl der Beteiligten und Anliegen unterscheiden. Die Wahl der Variante ist Teil der methodischen Klugheit.

Variante A — Klassische Skulptur mit anwesender Familie. Mehrere Familien-Mitglieder sind in der Sitzung anwesend; die Klient:in stellt sie auf. Die unmittelbarste Form, aber auch die anspruchsvollste — alle Beteiligten erleben sich gleichzeitig als Aufgestellte und Beobachtende. Nur einsetzen, wenn die Familien-Dynamik tragfähig ist und keine akute Konflikt-Eskalation droht.

Variante B — Stellvertreter:innen-Skulptur in Gruppen-Setting. Klassisches Verfahren der Strukturaufstellung. Die Klient:in wählt aus einer Ausbildungs- oder Selbsterfahrungs-Gruppe Personen aus, die die Rollen einzelner Familien-Mitglieder übernehmen. Bietet phänomenologische Resonanz durch die Stellvertreter:innen-Empfindungen. Braucht klare Aussteige-Vereinbarung und methodisch erfahrene Leitung.

Variante C — Tisch-Skulptur mit Figuren. Einzel- oder Paarberatung mit Playmobil-Figuren, Holz-Klötzen, Steinen oder ähnlichem auf einem Tisch. Die Klient:in stellt allein auf, die Berater:in begleitet. Sehr gut geeignet für Kinder und Jugendliche, für introvertierte Klient:innen, für komplexe Drei-Generationen-Themen. Weniger körper-aktivierend als die lebende Variante.

Variante D — Boden-Anker in der Einzelberatung. Die Klient:in legt für jede Person ein Tuch, eine Karte oder einen Stuhl auf den Boden und tritt selbst nacheinander in die verschiedenen Positionen. Position-Switch als zentrales Werkzeug — körperliches Erleben aus jeder Rolle. Sehr eindrücklich auch ohne Gruppe.

Verbindung mit der Genogramm-Arbeit

Skulpturen und Genogramme ergänzen sich produktiv. Das Genogramm liefert die strukturelle Karte (wer, wann, wo, mit wem), die Skulptur die emotionale Karte (wer fühlt sich wem nah, wer entfernt sich, wer steht im Schatten). In der Praxis bietet sich ein zweistufiges Vorgehen an: Zuerst das Genogramm gemeinsam erarbeiten (in der GenoEasy-App oder auf Papier), dann auf Basis dieses Bildes eine Skulptur stellen.

Die Skulptur kann das Genogramm lebendig machen: Eine Generation, eine Familien-Episode, ein Übergang werden räumlich nacherlebt. Umgekehrt kann das Genogramm der Skulptur Halt geben: Wer drohte sich in den Empfindungen zu verlieren, kann zurück auf die Karte schauen und die Faktenebene wieder finden.

In der Drei-Generationen-Perspektive ist die Skulptur besonders ergiebig — transgenerationale Muster (immer wiederkehrende Beziehungs-Konstellationen) lassen sich räumlich oft schneller erfassen als verbal. Wichtig: Die Skulptur erzeugt keine objektive Wahrheit über vergangene Generationen, sondern macht das subjektive Bild der Klient:in sichtbar.

Häufige Stolpersteine

„Die Methode sagt die Wahrheit über das System." Tut sie nicht. Skulpturen zeigen das subjektive Bild der Klient:in — nicht die objektive Familien-Realität. Wer das verwechselt, kippt in direktive Deutung.

„Stellvertreter:innen wissen, wie es wirklich ist." Phänomenologische Resonanz ist Information, aber nicht Beweis. Stellvertreter:innen-Empfindungen können das Verständnis erweitern; sie ersetzen nicht das Erleben der echten Familien-Mitglieder.

„Die Aufstellungs-Leitung weiß, wo die Personen hin müssen." Nein. Wer als Leitung Positionen vorschreibt, hat das Bild der Klient:in durch das eigene überschrieben. Bei Sparrer/Varga arbeitet die Leitung ausdrücklich ergebnisoffen — nicht wissend.

„Eine Sitzung Skulptur löst chronische Konflikte." Tut sie nicht. Skulpturen sind Diagnose und Anstoß — die Veränderung im Alltag dauert. Realistische Erwartungen schaffen.

„Familien-Geheimnisse werden in Skulpturen sichtbar." Manchmal ja, oft nein. Wer mit Skulpturen Geheimnisse „aufdeckt", begeht oft Übergriff. Geheimnisse haben Funktion — sie zu enttarnen, ohne dass die Klient:in vorbereitet ist, ist nicht Heilung, sondern Schaden.


Wann NICHT mit Aufstellung arbeiten

Es gibt klare Indikationen, in denen Skulpturarbeit kontraindiziert oder zumindest sehr zurückhaltend einzusetzen ist. Die folgenden Punkte sind nicht erschöpfend; entscheidend ist die methodische Klugheit der Berater:in.

Akut-psychiatrische Diagnosen. Bei akuter Psychose, schwerer Dissoziation, manischer Phase oder akuter Suizidalität gehört Skulpturarbeit nicht zum Ersttermin. Stabilisierung, klare Bindung, ggf. psychiatrische Versorgung gehen vor. Auch nach Stabilisierung Rücksprache mit behandelnder Psychiater:in / Therapeut:in.

Frische Trauer und akutes Trauma. In den ersten sechs bis zwölf Monaten nach Verlust oder Trauma-Ereignis ist Skulpturarbeit selten passend. Die Methode ist intensiv; sie braucht emotionale Reserven, die in diesen Phasen oft nicht da sind. Stabilisierung, Ressourcen-Arbeit, behutsame Würdigung gehen vor.

Akute Gewalt-Situationen. Wenn Gewalt aktuell ist (Häusliche Gewalt, Kindeswohlgefährdung, akute Bedrohung), gehört der Fokus auf Sicherheit, Schutz und ggf. Anzeige — nicht auf systemische Reflexion. Skulpturen können später, im sicheren Rahmen, wieder ihren Platz finden.

Unklare Aufträge oder Gruppen-Druck. Wenn die Klient:in nicht klar will, wenn die Familie / Gruppe drängt, wenn die Berater:in unsicher ist — dann lieber nicht. Eine Skulptur unter Zwang oder bei Methoden-Unsicherheit produziert mehr Schaden als Nutzen.

Fehlende eigene Erfahrung. Wer noch nie selbst als Stellvertreter:in / Klient:in in einer Skulptur war, sollte sie nicht leiten. Erfahrung als Teilnehmende:r ist Voraussetzung für gute Leitung.


FAQ — Sechs zentrale Fragen aus der Praxis

1. Was unterscheidet Skulptur (Satir / Papp) von Strukturaufstellung (Sparrer / Varga)? Skulptur ist überwiegend mit echten Familien-Mitgliedern in der Sitzung gedacht; Strukturaufstellung arbeitet mit Stellvertreter:innen in Gruppen für nicht-anwesende Systeme. Beide sind methodisch verwandt, aber unterschiedlich akzentuiert.

2. Wie grenze ich Skulpturen von Hellinger-Aufstellungen ab? Drei Marker: (a) Ergebnisoffenheit — die Leitung weiß die Lösung nicht im Voraus. (b) Ressourcen- und Personen-Schutz — keine direktive Inszenierung über Stellvertreter:innen-Köpfe hinweg. (c) Methodische Transparenz — alle Beteiligten verstehen, was getan wird und warum.

3. Kann ich Skulpturen in der Einzelberatung ohne Gruppe einsetzen? Ja, sehr gut: mit Tisch-Figuren, mit Boden-Ankern, mit Stühlen. Die Klient:in stellt allein auf, befragt die Positionen aus der eigenen Vorstellung. Für viele Themen oft sogar geeigneter als die Gruppe.

4. Was tun, wenn eine Stellvertreter:in nicht aussteigen kann? Bewusst aussteigen lassen: aufstehen, Position verlassen, einen Satz sagen („Ich bin nicht mehr X, ich bin wieder Y"), körperlich abklopfen, Wasser trinken. Nach der Sitzung kurz nachfragen. Bei anhaltender Identifikation: kollegiale Beratung suchen.

5. Wie lange dauert es, bis ich Skulpturen sicher leite? Faustregel: 30–50 Stunden methodische Ausbildung plus 10+ eigene Erfahrungen als Teilnehmende:r und Co-Leitung, bevor man eigenständig leitet. DGSF / SG-Curricula bieten dafür Module an.

6. Wann sollte ich Klient:innen an spezialisierte Aufsteller:innen verweisen? Bei komplexen transgenerationalen Themen (Krieg, Verfolgung, Migration), bei akuten Trauma-Themen mit stabilisierter Klient:in, bei Familien-Geheimnissen mit klarer Indikation. Spezialisierte Stellen sind oft in DGSF- und SG-Netzwerken zu finden.


Praxis-Pocket — Druckhinweis

Die folgenden zwei Seiten enthalten die 5-Phasen-Karte, die Vorbereitungs-Checkliste und einen Notiz-Bereich für die Sitzungs-Begleitung.

  • Auf A4 drucken — gut lesbar im Sitzungs-Setting.
  • Optional laminieren als ständig griffbereites Werkzeug.
  • Eigene Notizen-Spalte für die individuelle Anpassung.
  • Vor jeder Sitzung Checkliste durchgehen — schützt vor methodischen Lücken.
Pocket 1 — Die 5 Phasen
Phase 1 — Auftragsklärung (10–15 min). Anliegen konkretisieren · Zeitraum festlegen · wer gehört dazu · Setting wählen · Einverständnis aller Beteiligten einholen.
Phase 2 — Auswahl (5–10 min). Stellvertreter:innen / Figuren wählen und benennen. Reihenfolge und Auslassungen sind Information — nur beobachten.
Phase 3 — Aufstellung & Standbild (15–25 min). Positionen, Blickrichtung, Körperhaltung. Klient:in selbst zuletzt oder bewusst außerhalb. Empfindungs-Abfrage bei Stellvertreter:innen — körperliche Wahrnehmungen vor Deutungen.
Phase 4 — Veränderungs-Bild (15–25 min). Schritt für Schritt. Eine Veränderung — Bild wirken lassen — erneut Empfindungs-Abfrage. Iterieren bis: „So fühlt es sich richtig an."
Phase 5 — Integration & Abschluss (10–15 min). Wunsch-Position verankern (Geste, Satz, Bild). Stellvertreter:innen aussteigen lassen. Nachgespräch. Konkreter Auftrag für den Alltag.

Vorbereitungs-Checkliste

  • ☐ Raum geprüft (Platz, keine Stör-Quellen, Material griffbereit)
  • ☐ Zeit eingeplant (mind. 60, besser 90 Minuten)
  • ☐ Anliegen klar (nicht „alles", sondern Ausschnitt)
  • ☐ Indikation geprüft (keine akute Krise, Trauma, Psychose, Suizidalität)
  • ☐ Einverständnis aller Beteiligten eingeholt (auch Stellvertreter:innen)
  • ☐ Aussteige-Regelung kommuniziert (Stellvertreter:innen dürfen pausieren / abbrechen)
  • ☐ Eigene methodische Verfassung geprüft (ausgeruht, klar, nicht in eigener akuter Resonanz)
  • ☐ Nachsorge geplant (Folge-Termin, Notfall-Kontakt, ggf. Supervision)
Pocket 2 — Sitzungs-Notizen

Anliegen (Phase 1)

Beteiligte / Stellvertreter:innen (Phase 2)

Standbild — Empfindungen (Phase 3)

Veränderungs-Schritte (Phase 4)

Auftrag für den Alltag (Phase 5)

Hinweis: Notizen sind sitzungs-vertraulich. Bei Stellvertreter:innen-Arbeit Aussteigen ausdrücklich kommunizieren — körperlich verlassen, Satz sagen, abklopfen, Wasser.


Quellen und weiterführende Literatur

Originalwerke

  • Satir, V. (1964 / 2018): Conjoint Family Therapy. Science and Behavior Books / Klett-Cotta (deutsche Neuausgabe).
  • Satir, V. (1976 / 2017): Selbstwert und Kommunikation. Klett-Cotta.
  • Papp, P. (1983): The Process of Change. Guilford Press.
  • Duhl, F., Kantor, D., Duhl, B. (1973): Learning, Space, and Action in Family Therapy: A Primer of Sculpture. In: Bloch, D. (Hrsg.), Techniques of Family Psychotherapy. Grune & Stratton.
  • Sparrer, I., Varga von Kibéd, M. (2018): Ganz im Gegenteil — Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen. Carl-Auer, 9. Aufl.

Deutschsprachige Standardwerke

  • Schlippe, A. von, Schweitzer, J. (2019): Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Vandenhoeck & Ruprecht, 4. Aufl.
  • Onnen-Isemann, C., Bähr, V. (2010): Skulpturarbeit — Methode und Anwendung. Vandenhoeck & Ruprecht.
  • Wienands, A. (2014): System- und körperorientierte Praxis der Skulpturarbeit. Vandenhoeck & Ruprecht.

Wissenschaftliche Einordnung (frei verfügbar)

Zur DGSF-Distanzierung von Hellinger

  • DGSF — Vorstandsbeschluss 2003 zur Distanzierung von Bert Hellinger. DGSF Wissensportal. https://dgsf.org/service/wissensportal
  • Goldner, C. (2003): Der Wille zum Schicksal — Die Heilslehre des Bert Hellinger. Ueberreuter.
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