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Wofür dieser Leitfaden?
Das Erstgespräch ist die Weiche. Innerhalb von 45 bis 90 Minuten entscheidet sich, ob eine tragfähige Beratungsbeziehung entsteht, ob das Anliegen passend bearbeitet werden kann und ob die Klient:in wiederkommt. Forschung und Praxis sind sich einig: Was im Erstgespräch nicht gelingt — Joining, Auftragsklärung, Hypothesengrundlage — wird in den Folgesitzungen mühsam nachgeholt oder gar nicht mehr.
Systemisches Erstgespräch unterscheidet sich vom Erstgespräch in anderen Schulen in vier Punkten: Erstens Kontext vor Person — bevor das Symptom verstanden werden kann, müssen die Beziehungen, Rollen und Aufträge im Umfeld geklärt sein. Zweitens Hypothetisieren als Haltung — die Berater:in entwickelt von Anfang an vorläufige Annahmen, statt eine Diagnose zu suchen. Drittens Mehrgenerationen-Blick — Themen werden in den biografischen und familiären Kontext gestellt, hier kommt das Genogramm ins Spiel. Viertens Auftragsklärung als zentrale Pflichtaufgabe — wer ist Auftraggeber:in, wer Klient:in, was ist das konkrete Anliegen und woran wird Erfolg messbar?
Dieser Leitfaden orientiert sich an Schlippe/Schweitzer (Heidelberger Modell), Karl Tomm (Interventive Interviewing) und der Mailänder Schule (Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität). Er bietet drei alternative Einstiegs-Skripte für unterschiedliche Klient:innen-Typen, ausgewählte Übergangsformulierungen, eine Checkliste zur Selbstreflexion nach dem Gespräch und ein 2-seitiges Praxis-Pocket zum Mitnehmen ins Gespräch.
Inhalt: Vorbereitung & Setting · Drei alternative Einstiegs-Skripte · Übergang zur Genogramm-Erhebung · Abschluss & Nachbereitung · Sechs typische schwierige Situationen · Selbstreflexion · FAQ · Druckhinweis · Praxis-Pocket · Quellen.
1. Vorbereitung — Material, Setting, Zeitfenster
Eine halbe Stunde vor dem Termin entscheidet sich oft, wie das Gespräch verläuft. Wer hastig zwischen zwei Sitzungen ein Erstgespräch einschiebt, signalisiert das in den ersten 30 Sekunden: Hektik, halbe Aufmerksamkeit, keine Vorbereitung. Klient:innen registrieren das — und manchmal kommt es deshalb zum „der/die war nett, aber irgendwie nicht für mich passend"-Effekt.
Zeitfenster. Plane 60 Minuten für das eigentliche Gespräch, plus 15 Minuten Vorbereitung vorab und 15 Minuten Nachbereitung danach. Insgesamt also 90 Minuten Block, von denen nur eine Stunde mit der Klient:in im Raum verbracht wird. Wer dieses Verhältnis nicht ernst nimmt, beraubt sich des wichtigsten Werkzeugs der systemischen Arbeit: der reflektierten Distanz.
Material auf dem Tisch.
- DSGVO-Einwilligungsformular (separate Vorlage) — ausgedruckt, unterschriftsbereit
- Beratungsvertrag oder Honorarinformation in Schriftform
- Großes Blatt Papier (A3 oder zwei A4 quer) und zwei Stifte unterschiedlicher Farbe — für die erste Genogramm-Skizze
- Notizblock für eigene Stichwörter, getrennt von der Klient:innen-Sicht
- Kalender / Terminbuch — Folgetermin sofort vereinbaren können
- Glas Wasser für beide Seiten
Setting im Raum.
- Zwei Stühle in 90°-Winkel (nicht direkt gegenüber — das wirkt verhörend; nicht nebeneinander — das verhindert Blickkontakt). Sitzhöhe gleich. Tisch klein und seitlich, nicht zwischen den Stühlen.
- Tür sicher geschlossen. Telefon stumm — auch das eigene. Bei Online-Setting Kopfhörer mit Mikrofon, ruhiger Hintergrund, neutrale Wand.
- Bei Paar- oder Familiengespräch: ausreichend Sitzplätze, keine „Erwachsenen-vs-Kinder"-Aufteilung. Bei Kindern altersgemäßes Material (Stifte, Knete) bereitlegen.
Vor dem Eintreten. Drei tiefe Atemzüge. Innerlich die Frage stellen: „Was weiß ich über diese Person? Was nicht?" Wenn nur Name und ungefährer Anlass bekannt sind, ist das normal — und gut. Eine zu detaillierte Vorab-Recherche kann das Joining behindern, weil die Berater:in dann auf eine vorgefasste Hypothese hinarbeitet, statt zuzuhören.
Kurz-Check vor dem Gespräch: Bin ich präsent? Habe ich Wasser? Ist das Material vollständig? Liegt etwas Persönliches herum, das nicht hier hingehört? Wenn ja: weg damit.
2. Drei alternative Einstiegs-Skripte
Es gibt nicht den einen richtigen Einstieg. Klient:innen kommen mit unterschiedlichen Bedürfnissen: Manche wollen sofort loslegen und alles erzählen, andere brauchen Struktur, weil sie sich sonst verlieren. Manche kommen mit konkretem Anliegen, andere mit dem diffusen „mir geht es schlecht". Die Wahl des Einstiegs sollte zum Klient:innen-Typ und zur Auftragslage passen.
Im Folgenden drei erprobte Skripte. Jedes Skript hat einen klaren Phasenablauf von etwa 45 Minuten, Übergangsformulierungen für die Engpässe und einen typischen Anwendungsfall.
| Skript | Wann geeignet? | Kern-Frage |
|---|---|---|
| A — Wachstumsbogen | Klient:in offen, vage Anliegen, kein akuter Druck | „Was wäre, wenn das gelänge?" |
| B — Schritt-Plan | Klient:in strukturbedürftig, konkretes Thema, Zeitdruck | „Was ist der erste konkrete Schritt?" |
| C — Anker-Frage | Krise, hohe Belastung, Gefahr der Überflutung | „Was hält Sie gerade?" |
### Skript A — Der Wachstumsbogen (lösungs-/ressourcenorientiert)
Geeignet für Klient:innen, die mit einem allgemeinen Wunsch nach Veränderung kommen, deren Anliegen aber noch unklar ist. Inspiriert von der lösungsorientierten Kurztherapie (de Shazer/Berg) und dem Heidelberger Modell.
Phase 1 (5 Min) — Joining und Rahmen
„Schön, dass Sie da sind. Bevor wir starten, sage ich kurz zwei Dinge zum Rahmen: Wir haben heute eine Stunde Zeit. Ich höre erstmal zu, frage hier und da nach, und zum Schluss überlegen wir, ob und wie wir weitermachen wollen. Alles, was Sie sagen, bleibt zwischen uns — die Schweigepflicht ist auf dem Formular, das wir gleich noch unterschreiben, festgehalten. Und: Sie bestimmen das Tempo. Ist das so okay für Sie?"
Phase 2 (8 Min) — Anliegen-Sammlung
„Was hat Sie heute hierhergeführt?" — und dann zuhören, ohne zu unterbrechen. Wenn die Klient:in stockt: „Erzählen Sie ruhig in Ihrem Tempo. Ich notiere mir Stichworte."
Phase 3 (8 Min) — Zielbild öffnen
„Stellen Sie sich vor, wir treffen uns in einem halben Jahr wieder, und Sie sagen: ‚Es hat sich wirklich etwas verändert.' Woran würden Sie das merken? Was wäre dann anders im Alltag — am Morgen, bei der Arbeit, am Abend?"
Phase 4 (10 Min) — Ressourcen-Inventur
„Was hat in Ihrem Leben schon einmal funktioniert, wenn es schwierig wurde? Wer steht Ihnen heute zur Seite — Familie, Freund:innen, Kolleg:innen? Wie haben Sie es geschafft, bis hierher zu kommen?"
Phase 5 (10 Min) — Genogramm-Übergang
„Was Sie da gerade beschrieben haben — die Beziehung zu Ihrer Mutter, die Geschwister-Konstellation — würde ich gern mal aufzeichnen. Es heißt Genogramm und ist so etwas wie eine Familienlandkarte. Damit kriegen wir einen besseren Blick auf die Muster, die Sie beschreiben. Darf ich?"
Phase 6 (4 Min) — Abschluss
„Was nehmen Sie heute mit? Was wäre für Sie ein guter nächster Schritt — auch wenn wir uns gar nicht wiedersehen würden?" Termin vereinbaren. Honorar/Vertrag unterschreiben.
### Skript B — Der Schritt-Plan (strukturorientiert)
Geeignet für Klient:innen, die ein klar umrissenes Problem mitbringen und eine pragmatische Beratung erwarten. Stärker an der lösungsorientierten Kurzzeitarbeit angelehnt, mit klarer Phasen-Struktur.
Phase 1 (3 Min) — Begrüßung mit Agenda
„Guten Tag. Ich schlage vor, wir gehen heute so vor: Erst klären wir kurz, was genau Sie hierherbringt. Dann schauen wir, was Sie konkret erreichen wollen. Und am Ende vereinbaren wir, wie es weitergeht. Insgesamt eine Stunde. Ist das so für Sie passend?"
Phase 2 (10 Min) — Problemdefinition
„Beschreiben Sie mir das Problem so konkret wie möglich. Wann ist es zum ersten Mal aufgetreten? In welchen Situationen zeigt es sich? Wer ist alles davon betroffen?"
Phase 3 (8 Min) — Bisherige Versuche
„Was haben Sie schon versucht? Was hat geholfen — auch nur ein bisschen? Was hat gar nicht funktioniert?"
Phase 4 (10 Min) — Ziel und Erfolgskriterium
„Wenn wir am Ende unserer Zusammenarbeit stehen — woran würden Sie merken, dass es sich gelohnt hat? Bitte möglichst konkret: Was würden Sie tun, was würden andere bemerken?"
Phase 5 (10 Min) — Genogramm-Übergang als Diagnose-Werkzeug
„Bevor wir Schritte planen, sollten wir den Kontext verstehen. Familienkonstellationen prägen, wie wir mit dem Thema umgehen. Ich würde gern mit Ihnen ein Genogramm — eine Art Familien-Stammbaum mit zusätzlichen Beziehungslinien — zeichnen. Das hilft uns, das Muster zu verstehen, in dem Ihr Problem auftaucht. Dauert etwa 20 Minuten."
Phase 6 (4 Min) — Erster Schritt
„Was wäre der allererste Schritt? Was könnten Sie schon vor unserer nächsten Sitzung tun? Welcher Schritt wäre klein genug, dass er realistisch ist, aber groß genug, dass er etwas bewegt?" Termin vereinbaren.
### Skript C — Die Anker-Frage (krisen-stabilisierend)
Geeignet für Klient:innen in Krise oder mit hoher emotionaler Belastung — Trennung, Verlust, akuter Konflikt, Suizidgedanken in der Vorgeschichte. Hier ist das Erstgespräch primär Stabilisierung, nicht Strukturierung. Übersicht und Sicherheit gehen vor Inhalt.
Phase 1 (3 Min) — Ankommen lassen
„Setzen Sie sich. Atmen Sie einmal durch. Es gibt keinen Termin nach Ihnen — Sie können bleiben, so lange Sie brauchen. Möchten Sie ein Glas Wasser?"
Phase 2 (5 Min) — Anker-Frage
„Bevor wir über das sprechen, was schwer ist: Was hält Sie gerade? Was hat Sie heute aus dem Bett geholt? Wer oder was gibt Ihnen Halt — auch wenn es nur ein dünner Faden ist?"
Phase 3 (5 Min) — Sicherheits-Screening (immer!)
„Ich frage das standardmäßig in solchen Situationen: Haben Sie aktuell Gedanken, sich etwas anzutun? Sich selbst zu verletzen? Aus dem Leben zu gehen?" — Wenn ja: konkretisieren (Plan? Mittel? Termin?). Krisenmodus (siehe Sektion 6).
Phase 4 (15 Min) — Gegenwart erzählen lassen
„Erzählen Sie mir, was gerade los ist. Nicht die ganze Geschichte — nur die letzten Tage. Was ist das Schwerste?"
Phase 5 (10 Min) — Ressourcen und Netzwerk
„Wer weiß davon? Wer steht Ihnen zur Seite? Gibt es jemanden, dem Sie heute noch erzählen werden, dass Sie hier waren?"
Phase 6 (10 Min) — Genogramm OPTIONAL
Genogramm in dieser Sitzung nur, wenn die Klient:in sichtlich stabilisiert ist und ein Interesse signalisiert. Sonst auf die nächste Sitzung verschieben. Stattdessen: „Wir kennen uns jetzt ein bisschen. In der nächsten Sitzung schauen wir uns zusammen Ihre Familie genauer an. Heute ist das Ziel, dass Sie hier rausgehen mit dem Gefühl: Es gibt einen Plan für die nächsten Tage."
Phase 7 (5 Min) — Konkreter Plan für die nächsten 48 Stunden
„Was machen Sie heute Abend? Wen sehen Sie morgen? Wenn es ganz schlimm wird — wen rufen Sie an?" — Notfallkontakte aufschreiben lassen, eigene Erreichbarkeit klären, ggf. zeitnaher Folgetermin.
Wichtig: Skript C ersetzt keine Krisenintervention durch eine qualifizierte Fachkraft. Bei akuter Suizidalität, Eigen- oder Fremdgefährdung sofortige Weitervermittlung an ärztlichen Bereitschaftsdienst (116 117), Notruf (112) oder psychiatrische Notaufnahme. Die Schweigepflicht tritt in diesen Fällen nach § 34 StGB (rechtfertigender Notstand) zurück — Güterabwägung dokumentieren.
3. Übergang zur Genogramm-Erhebung
Der Übergang ist die heikelste Stelle. Eben war das Gespräch in vollem Fluss, jetzt sollen plötzlich Geburtsdaten, Verwandtschaftsbeziehungen und Familiengeschichten her. Wer den Übergang holprig macht, signalisiert: „Jetzt kommt der Verwaltungsteil." Das Genogramm verliert seine Kraft als Reflexionswerkzeug und wird zum Fragebogen.
Drei erprobte Übergangsformulierungen.
Variante 1 — anknüpfend
„Sie haben gerade etwas Spannendes erzählt — dass Ihre Mutter und Ihre Schwester sich nicht mehr verstehen, seit Ihr Vater gestorben ist. Solche Muster sieht man oft erst, wenn man die Familie im Bild hat. Darf ich mit Ihnen eine Familienlandkarte zeichnen? Wir nennen das Genogramm. Dauert etwa 20 Minuten."
Variante 2 — methodisch
„In meiner Arbeit nutze ich eine besondere Methode: das Genogramm. Das ist eine Art Stammbaum, in dem nicht nur Geburtsdaten stehen, sondern auch Beziehungsqualitäten, Konflikte und Verbindungen. Drei Generationen reichen meistens. Ich frage Sie und zeichne — Sie können jederzeit unterbrechen oder korrigieren. Bereit?"
Variante 3 — niederschwellig
„Ich würde gern Ihre Familie ein bisschen besser kennenlernen. Nicht im Sinne von ‚Was haben die alles getan' — sondern wer überhaupt da ist. Eltern, Geschwister, Kinder, vielleicht auch die Großeltern. Darf ich das mitzeichnen, während Sie erzählen?"
Was im Erstgespräch ans Genogramm gehört.
- Drei Generationen: Klient:in (Ego), Eltern und Geschwister, Großeltern. Bei Eltern: deren Geschwister kurz erwähnen. Mehr ist im Erstgespräch nicht zu schaffen — wird stressig und verflacht.
- Symbole nach McGoldrick/Gerson-Standard: □ Mann · ○ Frau · ◇ unbekanntes/non-binäres Geschlecht · X = verstorben (mit Todesdatum)
- Heirat/Partnerschaft mit Datum, Trennung/Scheidung mit Datum (Doppellinie durchgekreuzt)
- Beziehungslinien (eng/distanziert/konflikthaft) erst, wenn alle Personen erfasst sind — nicht parallel zur Person eintragen, weil das den Erzählfluss bricht
- Notizen rechts daneben: prägende Lebensereignisse, Berufe, Wohnorte
Was NICHT ins Erstgespräch-Genogramm gehört. Detaillierte psychische Diagnosen über Familienmitglieder, Vermutungen über Substanzkonsum, juristisch heikle Behauptungen (Missbrauch, Gewalt) — wenn solche Themen aufkommen, anhören, validieren, aber nicht ins Diagramm schreiben, sondern in den geschützten Notizteil. Solche Inhalte gehören in spätere Sitzungen, mit expliziter Einwilligung zur Notiz.
Wenn die Klient:in den Vorschlag ablehnt. „Verstehe — manche Menschen brauchen Zeit dafür. Können wir uns das für eine spätere Sitzung aufheben?" Niemals drängen. Wer das Genogramm zur Pflichtübung macht, verliert die Beziehung. Es geht ohne Genogramm — nur ist es ärmer.
4. Abschluss & Nachbereitung
Die letzten 10 Minuten des Erstgesprächs entscheiden, ob die Klient:in motiviert in die Folgesitzung kommt — oder gar nicht erst wieder anruft. Drei Dinge müssen in dieser Phase passieren: Verdichtung, Vereinbarung und Verabschiedung.
Verdichtung.
- „Was nehmen Sie heute mit? Was war für Sie das Wichtigste?" — Antwort abwarten. Nicht selbst zusammenfassen, bevor die Klient:in es getan hat.
- Eigene kurze Reflexion teilen: „Mir ist aufgefallen, dass …" — vorsichtig, hypothetisch, nicht diagnostisch.
- Wenn ein Genogramm gezeichnet wurde: kurz auf eine Beobachtung darin verweisen, die der Klient:in vermutlich neu ist.
Vereinbarung.
- Setting-Frage: „Möchten Sie weitermachen?" — nicht selbstverständlich annehmen.
- Frequenz und Format: wöchentlich, alle zwei Wochen, mit oder ohne Familie?
- Honorar/Vertrag unterschreiben — wenn das nicht zu Beginn passiert ist, jetzt unbedingt.
- Folgetermin direkt im Kalender vereinbaren. Wenn unklar, nicht auf „melden Sie sich, wenn Sie wieder Bedarf haben" verlassen — das ist die häufigste Drop-out-Falle.
- DSGVO-Einwilligung unterschreiben lassen (separate Vorlage).
- Falls Hausaufgabe / Beobachtungsauftrag sinnvoll: konkret und klein („Notieren Sie bis zur nächsten Sitzung dreimal, wann Sie sich entspannt fühlen.")
Verabschiedung. Aufstehen lassen, zur Tür begleiten. Kein Händedruck, wenn die Klient:in das nicht klar signalisiert (kulturelle und persönliche Vorlieben respektieren).
Nachbereitung — die wichtigsten 15 Minuten. Nach dem Gespräch ungestört notieren:
1. Erster Eindruck in einem Satz — was ist mir aufgefallen? (vor jeder Hypothesenbildung — der erste Eindruck ist diagnostisch wertvoll und verblasst schnell)
2. Hypothesen — drei mögliche Erklärungsmuster, ausdrücklich vorläufig. Hypothetisieren statt diagnostizieren.
3. Auftragslage — wer ist Auftraggeber:in (Klient:in selbst? Jugendamt? Partner:in?), was ist der konkrete Auftrag, wer hat ihn formuliert?
4. Resonanz — was hat das Gespräch mit mir gemacht? Wo bin ich emotional eingestiegen, wo distanziert geblieben? Das ist Material für Supervision.
5. Offene Punkte — was ist unklar geblieben, was muss in der nächsten Sitzung geklärt werden?
5. Sechs typische schwierige Situationen
Bestimmte Konstellationen kehren in Erstgesprächen wieder. Hier eine Auswahl mit jeweils einem Vorschlag, wie damit umgegangen werden kann. Keine Standardantworten — Anregungen für die eigene Reflexion.
### Situation 1 — Die Klient:in redet ohne Unterbrechung
Nach 12 Minuten ist noch kein Punkt gesetzt, die Erzählung springt zwischen Kindheit, Beruf und aktueller Partnerschaft. Das Gespräch droht zu zerfließen.
Vorschlag: Höflich, aber bestimmt: „Darf ich kurz unterbrechen? Ich höre drei Themen heraus — Ihre Kindheit, Ihre Arbeit, Ihre Beziehung. Welches ist heute das wichtigste für Sie? Mit welchem sollten wir starten?" Damit wird die Klient:in zum Co-Strukturierer und das Gespräch wird steuerbar.
### Situation 2 — Die Klient:in sagt: „Ich weiß nicht, was Sie wissen wollen"
Klassischer Fall vor allem bei Menschen, die noch nie Beratung in Anspruch genommen haben oder unter Druck (vom Partner, vom Jugendamt) hier sind.
Vorschlag: „Sie müssen nichts ‚wissen', was ich hören will. Es geht um das, was Sie hierher gebracht hat. Vielleicht beginnen wir ganz einfach: Was hat Sie auf die Idee gebracht, heute hier zu sitzen?" — Das verschiebt den Fokus vom Erwartungs-Druck auf die eigene Motivation.
### Situation 3 — Es kommt ein Paar, aber nur eine:r will Beratung
Die Klient:in hat den Termin gemacht, der/die Partner:in sitzt mit „weil sie/er es will" daneben. Body Language: verschränkte Arme, kurze Antworten, gelegentliches Augenrollen.
Vorschlag: Das offen ansprechen, ohne Schuld zuzuweisen. „Ich habe den Eindruck, einer von Ihnen ist heute eher hier, weil die andere Person es wollte. Stimmt das? Wie ist das für Sie?" Dann klären: Wollen wir heute beide hier haben — und die unterschiedlichen Motivationen mit thematisieren? Oder beginne ich mit einem Einzelgespräch und wir entscheiden später über Paar-Beratung? Beides ist legitim. Wichtig: Den/die nicht-motivierte Person nie übergehen, sondern als Beobachter:in einladen.
### Situation 4 — Die Klient:in weint sofort
Vom ersten Satz an Tränen — die Person hat lange durchgehalten, jetzt bricht etwas auf.
Vorschlag: Nichts sagen. Taschentuch in Reichweite schieben. Eigene Präsenz halten, nicht beschwichtigen („Wird schon wieder" verbietet sich). Nach einer halben Minute Stille: „Nehmen Sie sich Zeit." Erst wenn die Klient:in ihrerseits weitersprechen will, behutsam weitergehen. Wenn Tränen über mehrere Minuten anhalten und Worte kaum möglich sind: „Manchmal hilft es, einen Moment durchzuatmen. Möchten Sie kurz aufstehen? Möchten Sie zuerst etwas Praktisches klären — wie wir weitermachen — bevor wir tiefer einsteigen?"
### Situation 5 — Die Klient:in stellt persönliche Fragen an die Berater:in
„Haben Sie selbst Kinder? Sind Sie verheiratet? Wie alt sind Sie?" — Häufig ein Test der Vertrauensgrundlage.
Vorschlag: Kurze, sparsame Antwort, dann zurück zur Klient:in. „Ich habe selbst zwei Kinder, ja. — Was beschäftigt Sie an der Frage?" Niemals brüsk ablehnen („Das tut hier nichts zur Sache") — das ist beziehungsschädigend. Aber auch nicht selbst zum Thema werden.
### Situation 6 — Die Klient:in erzählt von akuter Gefährdung
Während des Gesprächs werden Suizidgedanken, häusliche Gewalt oder Kindeswohlgefährdung offenbar.
Vorschlag: Sofort Tempo herausnehmen. Konkret nachfragen: Bei Suizidalität — Plan? Mittel? Zeitpunkt? Vorgeschichte? Bei Gewalt — aktuell? Heute Abend? Kinder im Haushalt? Bei Kindeswohlgefährdung — Alter der Kinder, gegenwärtige Situation. Dann den eigenen Handlungsrahmen klären: Akute Suizidalität → ärztlicher Bereitschaftsdienst (116 117) oder Notruf (112). Akute Gewalt → Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (08000 116 016) oder Polizei (110). Kindeswohlgefährdung → Beratung mit insoweit erfahrener Fachkraft (insoFa) nach § 8a SGB VIII, ggf. Jugendamt informieren.
Die Schweigepflicht ist in diesen Fällen nach § 34 StGB (rechtfertigender Notstand) durchbrechbar — die Güterabwägung ist zu dokumentieren. Bei Kindeswohlgefährdung gestuftes Vorgehen nach § 4 KKG: erst mit den Eltern, dann mit insoFa, dann ggf. mit Jugendamt.
6. Selbstreflexion nach dem Erstgespräch — eine Checkliste
Diese Fragen sind für die eigene Notiz, nicht für die Akte. Sie schärfen die professionelle Wahrnehmung und sind das wichtigste Material für Supervision.
- Joining — habe ich eine Beziehung herstellen können? An welchem Punkt war das Gespräch am dichtesten? Wo war Distanz?
- Auftrag — ist mir klar, was die Klient:in von mir will? Habe ich nachgefragt oder vermutet?
- Hypothesen — habe ich mehr als eine Erklärung im Kopf? Oder bin ich auf einer Hypothese festgefahren?
- Eigene Resonanz — was hat das Gespräch in mir ausgelöst? Wo war ich emotional engagiert, wo gelangweilt, wo abgelenkt?
- Setting-Passung — passt das angebotene Format (Einzel, Paar, Familie, Frequenz) zum Auftrag, den ich verstanden habe?
- Grenzen — gibt es Anzeichen, dass dieser Auftrag meine Kompetenz, mein Setting oder meine Rolle überfordert? Brauche ich Überweisung, Co-Therapie, Supervision?
FAQ — Sechs zentrale Fragen aus der Praxis
1. Soll ich beim Erstgespräch schon ein Honorar nehmen?
Üblich ist: Das Erstgespräch wird abgerechnet wie eine reguläre Sitzung — die Beratung beginnt mit dem ersten Satz, nicht erst mit dem zweiten Termin. Manche Berater:innen bieten ein kostenloses Vorgespräch von 15 Minuten am Telefon an, um Passung zu klären, und rechnen ab dem Erstgespräch im Raum. Wichtig ist, das vorher zu kommunizieren — keine Überraschungs-Rechnung.
2. Wie viele Sitzungen empfehle ich am Ende des Erstgesprächs?
Systemische Beratung arbeitet meist mit 5 bis 15 Sitzungen — kurz im Vergleich zu psychoanalytischer oder verhaltenstherapeutischer Arbeit. Am Ende des Erstgesprächs empfiehlt sich aber keine feste Zahl, sondern eine zeitlich begrenzte erste Etappe: „Lassen Sie uns drei Sitzungen vereinbaren und dann gemeinsam schauen, ob und wie wir weitermachen." Das schützt vor Über-Engagement und gibt der Klient:in Sicherheit.
3. Was, wenn ich am Ende denke: Dieser Fall überfordert mich?
Das ist ehrenwert und professionell. Direkte Optionen: (a) Supervision suchen und dann entscheiden; (b) Co-Beratung mit einer erfahreneren Kolleg:in anbieten; (c) Weitervermittlung an eine kompetentere Stelle. Bei der Weitervermittlung niemals „lassen sich von mir abweisen" formulieren — sondern „bei dieser Konstellation glaube ich, dass Sie bei XY besser aufgehoben sind". Kontakt vermitteln, nicht nur Namen nennen.
4. Darf ich im Erstgespräch schon ein Genogramm zeichnen?
Ja — wenn der Übergang stimmt und die Klient:in dafür bereit ist. Drei Generationen reichen, mehr überfordert. Aber: kein Pflichtprogramm. Wenn das Gespräch hauptsächlich krisenstabilisierend ist (Skript C), Genogramm in die nächste Sitzung verschieben. Das Werkzeug muss dem Anliegen dienen, nicht umgekehrt.
5. Soll ich beim Erstgespräch Notizen machen?
Sparsam — Stichworte, keine Mitschrift. Wer dauernd schreibt, ist nicht präsent. Sinnvoll: zwischen den Phasen kurz festhalten, was die Klient:in genau gesagt hat (wörtliche Formulierungen sind wichtig). Nach dem Gespräch in den ersten 15 Minuten ausführlicher dokumentieren. Was zur Akte gehört und was nur zur eigenen Reflexion: am Anfang transparent machen.
6. Was tun, wenn ich nach dem Erstgespräch nicht weiß, wie weitermachen?
Das ist häufiger als gedacht — und kein Versagen. Optionen: ein paar Tage abwarten und reflektieren, dann eine Hypothese für die nächste Sitzung formulieren. Bei Unsicherheit: Supervision oder Intervision. Vor der Folgesitzung kurz mit der Klient:in zwei oder drei mögliche Richtungen besprechen und gemeinsam wählen. Das ist nicht unprofessionell, sondern partizipativ.
Praxis-Pocket zum Mitnehmen
Die folgenden Seiten enthalten ausdruckbares Praxis-Material für das Erstgespräch. Sie können diese Seiten herauslösen, ins Beratungs-Setting mitnehmen und während des Gesprächs ausfüllen.
- Seite 1 — Phasen-Überblick als 3-Spalten-Tabelle für die Hosentasche.
- Seite 2 — Setting-Check und Skript-Wahl als Checkliste für die Vorbereitung.
- Seite 3 — Notizen-Bogen mit Linien für die ersten Stichwörter im Gespräch.
- Die Erläuterungen zu jeder Phase finden Sie auf den vorhergehenden Seiten.
| Phase | Was sage ich? | Worauf achte ich? |
|---|---|---|
| 1. Joining (5') | „Schön, dass Sie da sind. Wir haben heute eine Stunde. Was hat Sie hierher geführt?" | Sitzhaltung, Atem, erste Resonanz |
| 2. Anliegen (10–15') | Zuhören. Nachfragen. „Erzählen Sie mehr davon." | Themen, Auftraggeber:in, Stimmung |
| 3. Auftrag (8') | „Was wünschen Sie sich für unsere Zusammenarbeit?" / „Woran würden Sie merken, dass es sich gelohnt hat?" | Konkretheit, Realismus, Übereinstimmung |
| 4. Ressourcen (8') | „Was hat schon mal funktioniert? Wer steht Ihnen zur Seite?" | Stärken, Netzwerk, Hoffnung |
| 5. Genogramm (15–20') | „Ich würde gern Ihre Familie ein bisschen besser kennenlernen — darf ich mitzeichnen?" | Drei Generationen, Symbole, Notizen |
| 6. Abschluss (8') | „Was nehmen Sie heute mit? Wie soll es weitergehen?" | Vereinbarung, Vertrag, Folgetermin |
Übergangs-Formulierungen — schnell zur Hand
- „Darf ich kurz unterbrechen — ich höre drei Themen heraus."
- „Wir haben jetzt eine halbe Stunde — was ist Ihnen noch wichtig, bevor wir zum Abschluss kommen?"
- „Ich würde das gern mal aufzeichnen — sieht man manchmal besser."
- „Mir ist aufgefallen … — wie sehen Sie das?"
Vor dem Gespräch — Setting-Check
- ☐ Stühle in 90°-Winkel, gleiche Sitzhöhe
- ☐ Tür geschlossen, Telefon stumm
- ☐ DSGVO-Einwilligung griffbereit
- ☐ Beratungsvertrag / Honorar-Info griffbereit
- ☐ Großes Blatt + zwei Stifte für erstes Genogramm
- ☐ Wasser für beide
- ☐ Kalender für Folgetermin
- ☐ Eigene Atemübung — drei Atemzüge
Welches Skript passt?
- ☐ A — Wachstumsbogen: offen, vage Anliegen, kein Druck → Lösung & Ressourcen
- ☐ B — Schritt-Plan: konkretes Problem, Strukturwunsch → Definition & Plan
- ☐ C — Anker-Frage: Krise, hohe Belastung → Halt & Sicherheit
Nach dem Gespräch — Selbstreflexion (3 Min)
Erster Eindruck in einem Satz:
Drei Hypothesen (vorläufig):
Auftrag — wer will was von wem?
Eigene Resonanz / offene Punkte für Supervision:
Datum / Setting / Code
Anliegen in 1 Satz
Auftrag (wer will was von wem?)
Erfolgskriterium („Woran würden Sie merken …?")
Ressourcen / Stützen
Erste Hypothesen / Beobachtungen
Vereinbarung / Folgetermin
Quellen und weiterführende Literatur
- Schlippe, Arist von / Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I — Das Grundlagenwissen. Vandenhoeck & Ruprecht. Standardwerk für Auftragsklärung, Hypothesenbildung und Erstgespräch im systemischen Setting.
- Schlippe / Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II — Das störungsspezifische Wissen. V&R. Erstgesprächs-Hinweise je nach Problemkonstellation.
- McGoldrick, Monica / Gerson, Randy / Petry, Sueli (2020): Genograms — Assessment and Treatment, 4. Auflage. W. W. Norton. Maßgebliches Werk für Genogramm-Erhebung im Erstgespräch (Drei-Generationen-Standard).
- Tomm, Karl (1987/1988): Interventive Interviewing I–III, Family Process 26/27. Vier Fragetypen (linear, zirkulär, strategisch, reflexiv) als Strukturierungsrahmen.
- Boscolo, Cecchin, Hoffman, Penn: Milan Systemic Family Therapy — Conversations in Theory and Practice. Mailänder Schule: Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität.
- de Shazer, Steve / Berg, Insoo Kim: Lösungsorientierte Kurzzeittherapie. Carl-Auer. Wunderfrage, Skalenfragen, Ausnahmen.
- DGSF — Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (dgsf.org). Berufsverband mit Curriculum, Wissensportal und Fachartikeln zur Auftragsklärung.
- Systemische Gesellschaft (SG) (systemische-gesellschaft.de). Rahmenrichtlinien für systemische Beratungsweiterbildungen.
- Carl-Auer-Lexikon des systemischen Arbeitens — Stichwort „Lösungsfokussierung", frei online (carl-auer.de/magazin/systemisches-lexikon).
- §§ 8a SGB VIII, 4 KKG, 34 StGB — gesetzlicher Rahmen für Kindeswohlgefährdung und Schweigepflicht im akuten Notstand.
- DSGVO Art. 13 — Informationspflicht im Erstgespräch über Datenverarbeitung.
Stand der Quellen 2026-06-03. Methodisches Inventar und Fragen-Pool werden mit jeder Auflage der Lehrbücher erweitert — empfohlene Auflagen siehe Verlagsangaben.