Ein gutes Genogramm beginnt nicht mit der ersten Linie, sondern mit der Frage: Was weiß ich, was muss ich noch fragen, und was darf ich nicht voraussetzen?
Die Grundinformationen
Für jede eingezeichnete Person braucht das Genogramm ein Minimum an Daten: Name (oder Initialen, je nach Datenschutz-Setting), Geburtsjahr, Geschlecht, Beziehungsstatus. Der genaue Geburtstag ist selten nötig — das Jahr reicht in fast allen Fällen.
Bei verstorbenen Personen kommt das Sterbejahr dazu, optional die Todesursache. Bei Verheirateten das Hochzeitsjahr, bei Geschiedenen das Trennungsjahr. Mehr ist Bonus, weniger ist Lücke.
Was darüber hinaus relevant ist
Drei Generationen rückwärts ist Pflicht — Klient:in, Eltern, Großeltern. Geschwister der Klient:in und deren Familien gehören dazu, auch wenn sie selten besprochen werden. Häufig vergessen, aber diagnostisch wertvoll:
- Berufe: wiederkehrende Berufsbilder über Generationen sind ein deutliches Muster.
- Wohnort: Migration, Stadt-Land-Wechsel, Auswanderung prägen Familiensysteme.
- Signifikante Ereignisse: Trennungen, Krankheiten, Verluste, Erfolge — alles, was die Familie im Gespräch immer wieder erwähnt.
Wichtige außenstehende Bezugspersonen — eine prägende Patentante, ein Lehrer, eine Bezugserzieherin — werden im Ökogramm besser aufgehoben, gehören aber notiert.
Die Klient:in vorbereiten
Die meisten Klient:innen kennen ihre Großeltern weniger gut, als sie denken. Eine kurze Vorab-Aufgabe — „Sammeln Sie, was Sie wissen, ohne Druck, Lücken sind erlaubt" — entlastet die erste Sitzung erheblich.
Wichtig ist die Rahmung: Es geht nicht um eine vollständige Familiengeschichte, sondern um die Geschichte, wie sie der Klient:in zugänglich ist. Lücken sind methodisch erwünscht, nicht peinlich.
Quellenvielfalt nutzen
Die Erinnerung der Klient:in ist die wichtigste, aber selten die einzige Quelle. Wer in Vorbereitung oder zwischen den Sitzungen mit Verwandten spricht — Tante, Onkel, Großeltern, manchmal sogar entfernte Cousins — bekommt erstaunlich oft Daten, die in der Kernfamilie nie ausgesprochen wurden. Auch Stammbücher, alte Fotos, Geburts- und Sterbeurkunden, Familienbibeln und Erbschaftsdokumente schließen Lücken. Solche Recherchen sind nichts für die erste Sitzung, aber sehr ergiebig, wenn das Genogramm in mehreren Etappen entsteht.
Tabu-Themen behutsam behandeln
Manche Themen — Suizid, Adoption, frühe Verluste, Fehlgeburten, psychische Erkrankungen, Sucht, Missbrauch — werden in Familien oft jahrzehntelang verschwiegen. Sie gehören ins Genogramm, aber nicht in die erste Sitzung. Wer beim ersten Kontakt erfährt, dass die Großmutter eine Fehlgeburt hatte, notiert das, geht aber nicht sofort darauf ein. Vertiefung gehört in spätere Sitzungen, wenn Vertrauen und Stabilität es tragen können. Das ist keine Vermeidung, sondern eine methodische Selbstverständlichkeit: Genogrammarbeit folgt der Geschwindigkeit der Klient:in, nicht der Neugier der Berater:in.