Während in den USA Bowen und McGoldrick das Genogramm prägten und die Familientherapie als amerikanische Erfindung galt, geschah in einer alten Universitätsstadt am Neckar etwas, das man als stille Gegenrevolution bezeichnen könnte.
Helm Stierlin (1926–2021), geboren in Mannheim, war die zentrale Figur, und sein Lebenslauf liest sich wie der eines Kulturbotschafters in umgekehrter Richtung. Von 1965 bis 1974 leitete er die Psychotherapie-Einheit der Family Studies Section am National Institute of Mental Health (NIMH) in den USA – ausgerechnet dort, wo Bowen seine berühmten Familienexperimente durchgeführt hatte. Dann kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm 1974 die Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie an der Universität Heidelberg.
Was Stierlin dort aufbaute, wurde zur Heidelberger Schule – dem Epizentrum der systemischen Therapie im deutschsprachigen Raum. Er brachte amerikanische Konzepte mit, übersetzte sie aber nicht einfach ins Deutsche, sondern dachte sie weiter, und manchmal dachte er sie in eine Richtung, an die in den USA niemand gedacht hatte. Sein Konzept der „Delegation" beschrieb, wie Eltern unbewusst Aufträge an ihre Kinder weitergeben – den Auftrag, die Karriere zu machen, die die Eltern nicht geschafft haben, oder den Auftrag, treu zu bleiben, obwohl die eigene Ehe längst erstorben ist. Aufträge, die niemand erteilt hat und die dennoch zuverlässig befolgt werden.
Aus Stierlins Umfeld ging eine ganze Generation bedeutender Therapeuten hervor, darunter Fritz B. Simon, der die Systemtheorie konsequent auf Organisationen und Unternehmen übertrug – und damit zeigte, dass die Muster, die Genogramme in Familien sichtbar machen, sich in Firmen mit erstaunlicher Präzision wiederholen, als hätten Organigramme und Genogramme mehr gemeinsam, als man ihnen ansieht.
Die deutsche Dimension
Die Heidelberger Schule brachte dabei auch eine Sensibilität mit, die in den USA nicht nötig gewesen wäre: eine Sensibilität für die deutsche Familiengeschichte. In einem Land, in dem drei Generationen innerhalb von dreißig Jahren durch zwei Weltkriege, Holocaust, Flucht, Vertreibung und Teilung geprägt worden waren, hatte die Genogrammarbeit eine Dimension, die über therapeutische Neugier weit hinausging – sie wurde zum Werkzeug der Aufarbeitung, und manchmal zum einzigen Werkzeug, das funktionierte, weil man mit Worten nicht an das herankam, was in Bildern und Linien plötzlich sichtbar wurde.
Genogramme deutscher Familien aus dieser Zeit zeigen ein wiederkehrendes Muster, das seine eigene Beredsamkeit hat: abgebrochene Linien, wo gefallene Söhne stehen sollten; erzwungene Migrationen, die als Flucht und Vertreibung in die Familiengeschichte eingegangen sind; Tabu-Zonen, hinter denen sich Verstrickungen in den Nationalsozialismus verbergen; und über allem ein beharrliches Schweigen, das sich von Generation zu Generation als emotionale Distanz weitervererbt – zuverlässiger als jedes Erbstück.