Genogramm-Beispiel mit standardisierten Symbolen
Genogramm-Beispiel mit standardisierten Symbolen (CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons)

Es gibt Bücher, die eine Disziplin verändern, und es gibt Bücher, die ihr eine gemeinsame Sprache geben. Das Buch, um das es hier geht, hat beides geschafft – und es ist nicht einmal besonders dick.

Buchcover Genograms in Family Assessment 1985
Das Standardwerk von 1985 — schlicht, mit Genogramm-Skizze auf dem Cover.

Als Monica McGoldrick und Randy Gerson 1985 ihr Werk „Genograms: Assessment and Intervention" veröffentlichten, war das weniger eine akademische Publikation als vielmehr ein Übersetzungsprojekt: Sie übersetzten das Chaos individueller Familiendiagramme in eine Sprache, die alle verstehen konnten.

Zum ersten Mal gab es eine verbindliche Standardisierung, die sich auch den unangenehmen Fragen stellte: Wie zeichnet man eine Scheidung? Wie eine Totgeburt? Wie stellt man dar, dass zwei Menschen in derselben Wohnung leben, aber seit Jahren nicht miteinander reden? Es sind Fragen, die Stammbäume sich nie gestellt hatten – weil Stammbäume höflicher sind als Genogramme.

Berühmte Familien im Genogramm

Aber McGoldrick und Gerson waren klug genug, es nicht bei trockenen Symbolkatalogen zu belassen. Sie taten etwas, das Lehrbuchautoren selten tun: Sie machten ihr Buch unterhaltsam. Und zwar, indem sie die Genogramme berühmter Familien analysierten – mit dem Ergebnis, dass abstrakte Theorie plötzlich so fesselnd wurde wie ein guter Roman.

Die Kennedys: Drei Generationen voller Ambitionen, Tragödien und erstaunlich wiederkehrender Muster. Im Genogramm las sich die Familiengeschichte wie eine Studie über die Frage, was passiert, wenn ein Patriarch den Druck so hoch schraubt, dass er seine Nachkommen noch aus dem Grab heraus antreibt.

Die Freuds: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Begründer der Psychoanalyse ein Familiengenogramm hatte, das sich liest wie ein Lehrbuch seiner eigenen Theorie – mit komplexer Mutterbeziehung, verschachtelten Verwandtschaftsverhältnissen und genug Material für mehrere Dissertationen.

Inhaltsverzeichnis des Standardwerks
Acht Kapitel, die das Genogramm-Wissen strukturierten.

Die Brontës: Wie konnte eine Familie, die so viel Verlust erlebte, gleichzeitig drei der bedeutendsten Schriftstellerinnen der englischen Literatur hervorbringen? Das Genogramm gab Hinweise – und die waren weniger romantisch, als es der Mythos vermuten lässt.

Das Buch wurde zum weltweiten Standardwerk, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und erlebte vier Auflagen, die letzte 2020 mit Sueli Petry als neuer Co-Autorin. Was als Arbeitshilfe für Therapeuten begann, wurde zur Pflichtlektüre einer ganzen Disziplin.

Ein tragischer Verlust

Die Geschichte hat einen Schatten, und er fällt ausgerechnet auf denjenigen, der sie mit ermöglicht hat. Randy Gerson, der Co-Autor und Visionär, starb 1995 an Leukämie, mit Anfang vierzig. Er erlebte nicht mehr, wie sein Werk zum weltweiten Standard wurde – eine jener Ironien, die man in Genogrammen so oft findet und die im eigenen Leben nicht weniger schmerzen als in fremden.

Gerson hatte allerdings noch eine Idee gehabt, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war: Er gründete eine Firma namens GenoWare und entwickelte eines der ersten Computerprogramme zum Zeichnen von Genogrammen. Während seine Kollegen noch mit Bleistift und Radiergummi kämpften, sah er bereits die digitale Zukunft der Genogrammarbeit – und auch das würde ihm erst posthum recht geben.

Auflagen-Zeitleiste 1985 1999 2008 2020
Vier Auflagen in 35 Jahren — das Buch wächst mit dem Feld.