Standardisierte Genogramm-Symbole – McGoldricks Lebenswerk
Standardisierte Genogramm-Symbole – McGoldricks Lebenswerk (Public Domain, Wikimedia Commons)

Manchmal führen die ungeradesten Wege zum Ziel. Dass eine Russisch-Studentin die Familientherapie revolutionieren würde, stand in keinem Karriereplaner – aber es ist vermutlich kein Zufall, dass jemand, der gelernt hat, eine fremde Sprache zu entschlüsseln, irgendwann anfängt, die Sprache der Familien zu entschlüsseln.

McGoldrick Portrait und ihre Beitragsfelder
Monica McGoldrick — Genogramm-Pionierin und Co-Autorin des Standardwerks.

Monica McGoldrick, geboren am 23. Juli 1943 als Tochter irisch-amerikanischer Einwanderer, machte 1964 ihren Bachelor an der Brown University, studierte dann Russisch an der Yale University und wechselte schliesslich – die entscheidende Wende – zur Sozialarbeit am Smith College. Es war, als hätte sie erst die richtige Fremdsprache gesucht.

Was eine Russisch-Expertin zur Familientherapie brachte, lässt sich vermutlich nicht ohne ihre eigene Familiengeschichte verstehen. Als Kind irischer Einwanderer kannte McGoldrick die unausgesprochenen Regeln, die Familien zusammenhalten und zerreissen können, aus eigener Anschauung. Kulturelle Prägungen, Migrationserfahrungen, Loyalitätskonflikte zwischen alter und neuer Heimat – all das, was ein Stammbaum nicht zeigt und ein Genogramm zeigen muss.

An der Rutgers University baute McGoldrick das Multicultural Family Institute auf und machte sich an etwas, das vor ihr erstaunlicherweise niemand systematisch versucht hatte: Sie entwickelte eine einheitliche Symbolsprache für Genogramme. Was banal klingt, war in Wahrheit eine enorme Leistung – denn eine Sprache zu erfinden, die alle verstehen, erfordert, dass man die Grenzen der eigenen Perspektive kennt.

Symbolstandardisierung vor und nach McGoldrick
Vor McGoldrick herrschte Symbol-Chaos — nach ihr ein weltweiter Standard.

Quadrat für männlich, Kreis für weiblich, durchgestrichene Symbole für Verstorbene, verschiedene Linientypen für die Qualität von Beziehungen: eng, distanziert, konflikthaft, verstrickt. Was vorher ein Wirrwarr individueller Notizen gewesen war, in dem sich nur der Zeichner selbst zurechtfand, wurde zu einer lesbaren Sprache – einer Art Notenschrift für Familiendynamik.

Aber McGoldrick war klug genug zu wissen, dass sie das Mammutprojekt nicht allein stemmen konnte. Sie brauchte einen Partner, und sie fand ihn in Randy Gerson – einem brillanten jungen Psychologen, der nicht nur akademisch dachte, sondern auch ein Faible für Technologie hatte und bereits davon träumte, Genogramme am Computer zu zeichnen. Dass dieser Traum sich erst Jahrzehnte nach seinem Tod erfüllen sollte, gehört zu den traurigeren Wendungen dieser Geschichte.

Gemeinsam machten sie sich an ein Werk, das die Familientherapie für immer verändern sollte – auch wenn sie das damals vermutlich für eine Übertreibung gehalten hätten.

Beitragsfelder konzentrisch um Bowens Struktur
McGoldricks Erweiterungen als Schichten über Bowens Basis.