Randy Gerson hatte in den achtziger Jahren einen Traum, der seinen Zeitgenossen leicht verrückt vorkam: Genogramme am Computer zeichnen. Vierzig Jahre später ist dieser Traum Wirklichkeit geworden, und er geht weit über das hinaus, was Gerson sich hätte vorstellen können – was allerdings für die meisten Träume gilt, die ihrer Zeit voraus sind.
Als Gerson seine Firma GenoWare gründete und eines der ersten digitalen Genogramm-Programme entwickelte, war das Pionierarbeit auf klobigen Desktop-Computern mit grünlich flimmernden Bildschirmen. Die meisten Therapeuten zeichneten weiter von Hand – auf Flipchart-Papier, mit bunten Stiften, direkt in der Sitzung –, und sie sahen keinen Grund, damit aufzuhören.
Und das handgezeichnete Genogramm hat nach wie vor seinen Charme, das muss man fairerweise sagen. Es entsteht im Gespräch, wächst mit jeder Erzählung, wird durchgestrichen und ergänzt, und manche Therapeuten schwören darauf, dass gerade das Unperfekte, Handgemachte den therapeutischen Prozess fördert – so wie manche Musikliebhaber schwören, dass Vinyl besser klingt als jedes Digitalformat.
Die Grenzen des Papiers
Allerdings hat das Papier Grenzen, die sich nicht wegschwärmen lassen:
- Ein komplexes Genogramm über vier Generationen mit Stieffamilien, Pflegekindern und Wahlfamilienmitgliedern wird auf Papier schnell so unlesbar wie eine Landkarte, auf die jemand Kaffee geschüttet hat.
- Papier-Genogramme lassen sich kaum aktualisieren, ohne dass das Ergebnis mehr nach modernem Expressionismus aussieht als nach Familiendiagramm.
- Sie sind schwer zu teilen – schon der Versuch, ein handgezeichnetes Genogramm zu fotografieren und an einen Co-Therapeuten zu schicken, ist ein Abenteuer mit unsicherem Ausgang.
- Und die Dokumentation in der Akte erfordert oft ein separates, „aufgeräumtes" Genogramm – doppelte Arbeit, die niemand gern macht und die entsprechend oft unterbleibt.
Digitale Werkzeuge lösen diese Probleme mit einer Eleganz, die Gerson gefreut hätte. Sie ermöglichen es, Genogramme nach den Standards von McGoldrick und Gerson zu erstellen, flexibel zu bearbeiten, professionell zu exportieren und sicher zu speichern – und sie tun das, ohne den therapeutischen Prozess zu stören, was der eigentliche Trick ist.
Ein Kreis, der sich schließt
Dabei schließt sich ein Kreis, der über vierhundert Jahre umspannt, und es ist einer jener seltenen Kreise, die sich tatsächlich rund anfühlen: Von Michaël Eytzingers Ahnentafel von 1590 über Murray Bowens Familienanalysen und Monica McGoldricks Standardisierung bis hin zu modernen digitalen Werkzeugen. Die Technologie hat sich in dieser Zeit grundlegend verändert. Das Bedürfnis nicht: Familien verstehen, Muster erkennen, Zusammenhänge sichtbar machen.
Die Methoden sind andere geworden. Die Fragen sind dieselben geblieben.
Denn am Ende geht es in jedem Genogramm – ob auf Pergament gezeichnet, auf Flipchart-Papier skizziert oder am Bildschirm erstellt – um die grundlegendste aller Fragen: Woher komme ich, und was davon trage ich weiter? Und vielleicht auch um die leisere Frage dahinter: Was davon möchte ich ablegen – und kann ich das überhaupt?