Zu den emotional aufgeladensten Markierungen im Genogramm gehören die, die nicht geborenes oder früh verlorenes Leben dokumentieren. Sie sind methodisch zentral — und sie verlangen mehr Sorgfalt als jede andere Notation.
Schwangerschaft und Geburt
Eine laufende Schwangerschaft wird als kleines Dreieck dargestellt — ohne Geschlechtsangabe, weil das Geschlecht in dieser Phase entweder nicht relevant oder nicht final ist. Nach der Geburt wird das Dreieck durch das Standardsymbol ersetzt.
Mehrlinge — Zwillinge, Drillinge, etc. — werden als Symbole gezeichnet, die durch eine gemeinsame Linie nach oben verbunden sind. Eineiige Mehrlinge bekommen zusätzlich eine horizontale Verbindungslinie zwischen den Symbolen, zweieiige nicht. Diese Unterscheidung ist mehr als zeichnerisch: Sie hat genetische und psychologische Relevanz.
Verluste
Für vorgeburtliche und frühe Verluste hat sich eine eigene Symbolik etabliert:
- Fehlgeburt: kleines Dreieck mit X — Datum der Schwangerschaftswoche optional.
- Abtreibung: kleines schwarz ausgefülltes Dreieck — die Vollfüllung unterscheidet sie von der Fehlgeburt.
- Totgeburt: Standardsymbol (Quadrat/Kreis) mit X — wie ein Verstorbener, aber häufig mit Geburts- und Sterbedatum identisch.
Kindstod nach der Geburt wird mit dem altersgerechten Standardsymbol gezeichnet, durchgekreuzt, mit Lebensspanne in Jahren. Auch bei sehr kurzer Lebensspanne — Tage, Stunden — gehört das Kind ins Genogramm, wenn es für die Familie ein Familienmitglied war.
Der heikle Umgang
Diese Markierungen sollten nicht aus dem Stand ergänzt werden, sondern im Gespräch mit der Klient:in. Eine vor Jahrzehnten verschwiegene Fehlgeburt der Großmutter, im Genogramm plötzlich sichtbar, kann eine Sitzung sprengen — und das ist manchmal nötig, manchmal nicht.
Die Frage „darf das ins Genogramm?" ist hier keine zeichnerische, sondern eine therapeutische. Im Zweifelsfall: zuerst fragen, dann zeichnen. Verluste sind selten beiläufig.