Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 8 min

Informationslücken im Genogramm sind selbst Information. Strategien für die Praxis: Pseudonyme, Spekulationsvermerk und das Spätere-Ergänzung-Prinzip.

Das häufigste Hindernis im Genogramm

Wer Genogrammarbeit unterrichtet, hört es früh: „Mein Klient weiß nichts über seine Großeltern. Was mache ich jetzt?" Die Antwort: Genau das ist auch ein Genogramm. Nur die Frage, wie man damit professionell umgeht, ist neu.

Lücken haben Gründe. Manche sind biografisch (früh gestorbene Großeltern, Kriegsverluste, Auswanderung), manche sind systemisch (verschwiegene Themen, Familiengeheimnisse, Konflikte mit Generationsbruch), manche sind generationenspezifisch (jüngere Klient:innen wissen oft weniger über die Großeltern, weil die Familienkommunikation sich verändert hat). Die Strategie hängt vom Grund ab.

Strategie 1: Strukturierte Pseudonyme

Wenn Großvater väterlicherseits namentlich unbekannt ist, aber existiert hat, bekommt er ein strukturelles Pseudonym: „GV-V" für Großvater väterlicherseits, „GM-M" für Großmutter mütterlicherseits. Das wirkt zunächst nüchtern, ist aber präzise — und nimmt der Lücke das Tabu. Klient:innen sehen, dass die Person systemisch erfasst ist, auch wenn der Name fehlt.

Wichtig: Pseudonyme dürfen nicht zur Vermeidung werden. Wenn nach drei Sitzungen die Großeltern immer noch nur „GM-V" heißen, ist das ein Auftrag, einmal in der Familie zu fragen — oder aktiv zu entscheiden, nicht zu fragen.

Strategie 2: Der Spekulationsvermerk

Manche Klient:innen vermuten Dinge über ihre Großeltern, wissen aber nichts sicher. Diese Vermutungen gehören ins Genogramm — aber als solche markiert. Ich verwende kleine geschweifte Klammern: „{vermutlich Alkoholproblem}", „{vermutlich Krieg}", „{vermutlich abgebrochener Kontakt}".

Diese Markierung erlaubt zwei Dinge: Erstens wird das Vermutete sichtbar, ohne als Faktum behandelt zu werden. Zweitens kann es später überprüft werden — durch Familienrecherche, Gespräche, manchmal durch Archivarbeit.

Spekulation ist keine Diagnose. Aber sie ist klinisch wirksam — Familien haben oft sehr genaue Intuitionen darüber, was in vorherigen Generationen passiert ist. Diese Intuitionen verdienen einen Platz im Bild.

Strategie 3: Das Spätere-Ergänzung-Prinzip

Ein Genogramm ist nie fertig. Wer das Klient:innen vermittelt, befreit sie vom Druck, in der Sitzung alles wissen zu müssen. Standardsatz: „Was Sie heute nicht wissen, können Sie ergänzen — in einem halben Jahr, in fünf Jahren, oder nie. Das Genogramm bleibt offen."

Konkret heißt das: Lücken bleiben sichtbar, aber das Bild wird trotzdem als arbeitsfähig behandelt. Spätere Sitzungen können neue Informationen einbauen. In einigen Fällen bringt die Klient:in nach Monaten ein altes Familienfoto mit — und plötzlich gibt es Namen.

Strategie 4: Aktive Nicht-Forschung respektieren

Manche Klient:innen wollen nichts über ihre Großeltern wissen. Auch das ist eine valide Position. Wer als Berater:in die Klient:in zur Recherche drängt, missachtet möglicherweise eine wichtige Selbstschutz-Entscheidung.

Frage: „Würden Sie mehr wissen wollen, wenn es ginge?" — die Antwort verrät, ob das Nicht-Wissen Defizit oder Schutz ist. Beides ist legitim.

Praxis-Vignette

Eine 28-jährige Klientin weiß über ihren Vater nichts — die Mutter hat ihn ihr nie gezeigt. Sie hat einen Namen, kein Bild, keine Geschichte. Im Genogramm steht ein Quadrat mit einem Fragezeichen. Sie sagt: „Ich will eigentlich auch nichts wissen." Wir lassen es so stehen.

Sechs Monate später: Sie kommt mit einem Brief. Sie hat den Namen ergooglet, eine entfernte Verwandte gefunden, mit ihr geschrieben. Das Quadrat bekommt jetzt Geburtsjahr und Beruf. Mehr nicht. Aber das Bild ist anders geworden — und sie auch.

Praxis-Vignette 2

Familie mit Großeltern, die im Krieg geblieben sind — drei der vier in Bombennächten. Die Klient:in (geboren 1958) weiß die Namen ihrer eigenen Eltern und je einen Großvater pro Linie, mehr nicht. Wir zeichnen die fehlenden mit „{Krieg †}" ein und akzeptieren das. Die Lücke ist die Familiengeschichte.

Was nicht funktioniert

Lücken überzeichnen. Wenn die Klient:in nichts weiß, hilft kein „erzählen Sie doch mal, was Sie sich vorstellen". Das produziert Konfabulation, kein Genogramm. Lieber ehrlich: „Das wissen Sie nicht. Das markieren wir so."

Und: Lücken als Defizit der Klient:in framen. „Sie wissen aber wenig über Ihre Familie" — solche Sätze hört man manchmal von Berater:innen, ich höre sie auch in Supervisionen. Sie sind übergriffig. Lücken sind nicht Schuld; sie sind Information.

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