Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 7 min
Wenn Klient:innen das gezeichnete Genogramm zurückweisen — „So sind wir nicht": vier Strategien aus der systemischen Praxis. Re-Reading, Polyphonie, Iteration und das Schweigen aushalten.
Eine unbequeme, aber häufige Situation
Sie haben gemeinsam ein Genogramm erstellt. Die Klient:in schaut es an und sagt: „Nein. So sind wir nicht." Oder, noch schwieriger: „Das stimmt nicht. Das bin nicht ich, das ist nicht meine Familie."
Diese Reaktion ist häufiger als die Lehrbücher suggerieren. Sie ist nicht Versagen der Methode oder der Berater:in — sie ist selbst Information. Aber sie braucht einen methodischen Umgang, der nicht reflexhaft auf „Sie wollen es nicht sehen" zurückgreift.
Was die Rückweisung bedeuten kann
Reines Unbehagen mit der Sichtbarkeit. Manche Klient:innen sind nicht gewohnt, ihre Familie von außen zu sehen. Das gezeichnete Genogramm ist ein Bild — und Bilder haben eine Eindringlichkeit, die das Gespräch nicht hat. Die Rückweisung ist dann erste Reaktion, nicht Endurteil.
Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdbeschreibung. Die Klient:in hat im Gespräch beschrieben, was sie sieht. Die Berater:in hat aufgezeichnet, was sie verstanden hat. Diese beiden Versionen sind nie identisch. Die Rückweisung kann eine berechtigte Korrektur sein.
Verteidigung der Familienloyalität. „So sind wir nicht" kann heißen „So darf man uns nicht zeigen". Boszormenyi-Nagys Begriff der Loyalität ist hier hilfreich: die Klient:in schützt das Familienbild, auch wenn es ihrer eigenen Erfahrung widerspricht.
Schock über die Klarheit. Manche Muster sind im Gespräch unscharf, im Bild aber scharf. Das kann die Klient:in überfordern. Die Rückweisung ist dann Schutz.
Strategie 1: Re-Reading
„Lassen Sie uns gemeinsam noch einmal lesen, was hier steht. Wo passt es nicht?" Diese Strategie nimmt die Rückweisung ernst und lädt zur Korrektur ein. Die Klient:in wird zur Co-Autor:in — und kann konkret zeigen, was nicht stimmt.
Vorteil: Die Korrekturen sind oft präziser als die ursprüngliche Beschreibung. Die Rückweisung erzeugt diagnostische Schärfe.
Vorsicht: Diese Strategie braucht Zeit. Wenn am Ende der Sitzung der Re-Reading-Versuch startet, wird er hektisch. Lieber in die nächste Sitzung verschieben.
Strategie 2: Polyphonie
„Wer in Ihrer Familie würde dieses Bild bestätigen, wer würde widersprechen?" Diese Frage löst das Bild von der Vorstellung, es müsse die eine wahre Version der Familie sein. Stattdessen wird klar: Es gibt mehrere Lesarten — die der Klient:in ist eine davon.
Michael Whites Konzept des „Re-Authoring" ist hier verwandt: Klient:innen werden zur Autor:in ihrer eigenen Geschichte, nicht zur Empfänger:in einer expert:innen-diagnostizierten Wahrheit.
Polyphonie ist besonders nützlich bei Familien, in denen Konflikte sich um die richtige Erzählung drehen — Scheidungs-Genogramme, Erbschafts-Konflikte, Mehrgenerationen-Streit.
Strategie 3: Iteration
„Lassen Sie uns das Bild eine Woche stehen lassen. Sie schauen es zuhause an, ich auch. Nächste Woche besprechen wir, wie es Ihnen damit ergangen ist."
Diese Strategie nutzt die Zeit als Mitarbeiterin. Manche Bilder, die in der Sitzung zurückgewiesen werden, werden eine Woche später akzeptiert oder differenziert. Die Klient:in hat Raum, das Bild zu verdauen.
Vorsicht: Iteration funktioniert nur, wenn die nächste Sitzung verbindlich vereinbart ist. Bei einmaligen Sitzungen oder unsicheren Terminen ist diese Strategie schwierig.
Strategie 4: Das Schweigen aushalten
Manchmal ist die beste Reaktion auf eine Rückweisung: nicht reagieren. Nichts erklären, nichts verteidigen, nichts korrigieren. „Mhm. Verstehe." — und dann eine Pause aushalten.
Diese Strategie wirkt zunächst kontraintuitiv, ist aber oft heilsam. Sie zeigt der Klient:in: Ihre Wahrnehmung wird ernst genommen, ohne dass die Berater:in in eine Reparaturhaltung verfällt. Im Schweigen entstehen oft die nächsten Sätze.
Vorsicht: Diese Strategie ist die anspruchsvollste — sie verlangt, dass die Berater:in eigene Reaktionsimpulse aushält. Wer aus Unsicherheit das Schweigen bricht („Aber ich dachte..."), schadet eher.
Praxis-Vignette
Klient, Mitte 50, kommt zur dritten Sitzung. Wir hatten in den ersten beiden Sitzungen das Genogramm erarbeitet, sein Vater als zentrale Figur, das Verhältnis als „herrisch" markiert. Heute sagt er: „Ich finde, das Bild stimmt nicht. Mein Vater war nicht herrisch. Er hat es nur nicht anders gewusst."
Ich schweige, schaue ihn an, nicke leicht. Eine Minute Stille. Dann sagt er: „Es ist schwierig, ihn so im Bild zu sehen. Er war auch sehr fürsorglich, auf seine Art."
Wir ergänzen das Bild. Der Vater bekommt eine zweite Beziehungslinie zu ihm — nicht nur die konflikthafte, sondern auch eine, die ihre eigene Qualität trägt. Das Bild wird differenzierter, die Beziehung lebendiger.
Die Rückweisung war keine Verweigerung, sondern Auftrag zur Erweiterung.
Was nicht funktioniert
Verteidigen. „Aber Sie haben doch in der letzten Sitzung gesagt..." — solche Sätze werten die Klient:in ab und verteidigen ein Bild, das nicht der Berater:in gehört.
Übergehen. Die Rückweisung ignorieren und im Programm weitermachen ist methodisch fatal. Die Klient:in fühlt sich nicht gesehen — und das Bild verliert seine Wirksamkeit.
Sofortige Komplett-Neuzeichnung. Wer auf jede Rückweisung mit „Dann lassen Sie es uns neu machen" reagiert, signalisiert: Das Bild war wertlos. Auch das untergräbt den Prozess.
Wenn die Rückweisung bleibt
Manche Klient:innen weisen das Bild dauerhaft zurück — auch nach Re-Reading, Polyphonie und Iteration. In diesem Fall hilft eine ehrliche Meta-Frage: „Was wäre ein Bild, mit dem Sie weiterarbeiten könnten? Und wenn es keins gibt: Können wir auch ohne Bild weiterarbeiten?"
Genogrammarbeit ist Werkzeug, nicht Selbstzweck. Wenn das Werkzeug nicht passt, wechselt man es. Das ist keine Niederlage, sondern professionelle Methodenflexibilität.
Weiterführende Links
- DGSF: Beratungspraxis — Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie
- Michael White / Narrative Therapie — Wikipedia, Re-Authoring
- Klett-Cotta: Boszormenyi-Nagy — Loyalität und Familienethik
- Carl-Auer Verlag — Systemische Standardwerke
- Systemische Gesellschaft — SG Curricula