Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 6 min

Klient:innen bringen manchmal eigenes Material mit — Fotoalben, selbstgezeichnete Stammbäume, Familienpapiere. Was bedeutet das? Wie geht man professionell damit um?

Eine selten besprochene Situation

In manchen Sitzungen passiert es: Die Klient:in legt etwas auf den Tisch. Ein Fotoalbum. Einen selbstgezeichneten Stammbaum. Eine Schachtel mit alten Briefen. Manchmal sogar ein digitales Genogramm, das sie selbst auf einer kostenlosen Webseite erstellt hat.

Diese Situation ist methodisch unterbeleuchtet. Die meisten Genogramm-Lehrbücher gehen davon aus, dass das Genogramm in der Sitzung entsteht — gemeinsam, im Dialog. Was tun, wenn die Klient:in es schon mitbringt?

Was es bedeutet

Engagement. Wer mit Eigenmaterial kommt, hat sich vorbereitet. Das ist ein Zeichen von Investment in den Prozess — und dafür, dass die Klient:in das Thema ernst nimmt.

Kontrollbedürfnis. Eigenmaterial gibt der Klient:in die Möglichkeit, ihre Familie auf ihre eigene Art zu präsentieren — bevor die Berater:in eigene Fragen stellt. Das kann gesund sein (Selbstwirksamkeit), kann aber auch defensiv wirken (Vermeidung von Tiefe).

Möglicher Versuch der Definitionshoheit. „Das ist meine Familie, so wie ich sie sehe." Die Klient:in setzt einen Rahmen, in dem bestimmte Themen drin sind und andere draußen bleiben.

Welche der drei Lesarten zutrifft, lässt sich nur im Gespräch klären. Die wichtigste Frage ist: „Wie war es für Sie, das zusammenzustellen?" Die Antwort verrät die Funktion des Materials.

Wert: Was Eigenmaterial bringt

Tiefe ohne Verhör. Fotos transportieren oft Geschichten, die in der Sitzung nicht erfragt würden — eine Pose, eine Kleidung, eine Geste verrät mehr als eine direkte Frage.

Andere Generationen werden lebendig. Wo das gesprochene Genogramm Großeltern als Datum abstrakt belässt, kann ein Foto sie konkret machen. „So sah meine Großmutter aus, als sie so alt war wie ich heute" — solche Sätze öffnen Reflexionsräume.

Stolz und Würde. Manche Klient:innen kommen mit Material, weil sie ihre Familie zeigen wollen, nicht nur problematisieren. Das verdient Anerkennung — und kann das Beratungs-Setting korrigieren, das oft zu deficit-orientiert ist.

Risiken

Verklärung. Gerade Fotoalben zeigen oft eine kuratierte Version der Familie. Die schwierigen Stellen — Konflikte, Krankheiten, Tabus — sind selten dokumentiert. Berater:innen müssen aufpassen, sich nicht von der Bildhaftigkeit täuschen zu lassen.

Verlagerung der Arbeit. Wer in der Sitzung 40 Minuten Fotos anschaut, hat keine Zeit für systemische Arbeit. Das Material kann zur Vermeidung werden.

Datenschutz. Wenn die Klient:in digitales Material bringt (z. B. einen geteilten Stammbaum von einer Genealogie-Plattform), enthält dieses oft Daten Dritter — Onkel, Tanten, Cousinen, die nicht in die Beratung eingewilligt haben. Das ist DSGVO-relevant. Solches Material gehört nicht in die Akte, auch nicht in Kopie.

Umgang in der Beratung — vier Schritte

1. Anerkennen. „Das ist schön, dass Sie das mitgebracht haben." Keine Bewertung des Materials, aber Wertschätzung der Geste.

2. Funktion klären. „Wie kam es dazu, dass Sie es dabei haben?" Die Klient:in formuliert selbst, warum sie es zeigt. Das ist diagnostisch wertvoll.

3. Dosiert nutzen. Ich schaue nicht das ganze Album an. Ich bitte die Klient:in, drei Fotos auszuwählen, die ihr besonders wichtig sind. Die Auswahl ist selbst Information.

4. Material bleibt bei der Klient:in. Nichts wird kopiert, fotografiert oder in die Akte übernommen. Ich notiere im Verlaufsprotokoll, dass und welches Material gezeigt wurde, mehr nicht.

Praxis-Vignette

Klientin, Ende 40, kommt zur zweiten Sitzung mit einem A4-Blatt: einen handgezeichneten Stammbaum, sehr sorgfältig, mit Geburtsjahren bis zur Urgroßelterngeneration. Auf meine Frage „Wie kam es dazu?" sagt sie: „Ich konnte nach unserer letzten Sitzung nicht schlafen, also habe ich das die ganze Nacht gemacht."

Diese Antwort ändert alles. Das Material ist nicht neutrales Vorbereitungsdokument, sondern Verarbeitungsversuch. Wir sprechen in der Sitzung weniger über den Stammbaum selbst, mehr über die Bewegung, die ihn erzeugt hat. Sie nimmt das Blatt am Ende wieder mit nach Hause.

Wenn das Material problematisch wirkt

Bei sehr stark idealisiertem oder sehr stark anklagendem Material ist Vorsicht geboten. Eine Klient:in, die ein Album mit ausschließlich glücklichen Fotos präsentiert und dazu sagt „Meine Familie war perfekt", produziert ein Signal — möglicherweise Abwehr. Die methodische Antwort: nicht direkt konfrontieren, sondern zirkulär fragen. „Wer in der Familie hätte den gleichen Satz nicht so leicht ausgesprochen?"

Bei anklagendem Material ähnlich: „Wer würde am ehesten widersprechen?"

Praxis-Vignette 2

Ein Klient bringt eine elektronische Genogramm-Datei mit, die er auf einer kommerziellen Webseite erstellt hat. Vier Generationen, sehr detailliert, professionell wirkend. Auf meine Frage, was das für ihn war: „Ich wollte vor Ihnen nicht dumm dastehen." Die Funktion ist Selbstwertschutz. Wir lassen die Datei beiseite und arbeiten an dem, was hinter dem Satz steckt.

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