Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 8 min
Pragmatische Integration zweier Methoden: Wann es Sinn macht, beide in einer Sitzung zu kombinieren — und wann nicht. Mit Mini-Fallbeispiel.
Zwei Methoden, ein Familiensystem
Das Genogramm ist eine grafische Karte, die Aufstellung eine räumliche Inszenierung. Beide bilden Familienbeziehungen ab, aber mit unterschiedlichen Sinneskanälen — das eine visuell-kognitiv, das andere körperlich-räumlich. Wer beide kennt und beherrscht, hat ein größeres Repertoire. Wer sie unreflektiert kombiniert, riskiert Methoden-Brei.
In meiner Praxis kombiniere ich beide gelegentlich, nicht regelmäßig. Die Frage ist nicht „kann ich das?", sondern „bringt es der Klient:in mehr als jeweils eine der Methoden allein?"
Wann die Kombination Sinn macht
Wenn das Genogramm „verstanden, aber nicht gespürt" ist. Manche Klient:innen können ihre Familienstruktur kognitiv klar beschreiben, aber die emotionale Tiefe bleibt aus. Die Aufstellung im Anschluss an das gezeichnete Genogramm bringt das Körperlich-Spürbare hinzu.
Wenn räumliche Konstellationen unklar sind. Eine Beziehungsfrage wie „Stehen Sie mehr bei Ihrer Mutter oder bei Ihrer Tante?" lässt sich räumlich oft klarer beantworten als verbal. Die Aufstellung — auch in Mini-Form mit Stuhlpositionen — macht Polarisierungen sichtbar.
Bei chronisch festgefahrenen Themen. Wenn eine Klient:in über Jahre dasselbe Genogramm-Muster beschrieben hat, ohne dass sich etwas bewegt, kann die Aufstellung eine zweite Wahrnehmungsschicht öffnen.
Wann die Kombination nicht Sinn macht
Im Erstgespräch. Ich kombiniere nie in der ersten Sitzung. Die Klient:in braucht Sicherheit über das, was passiert. Eine Aufstellung im Erstgespräch wirkt oft als methodisches Spektakel, nicht als Begegnung.
Bei akut traumatisierten Klient:innen. Aufstellungen können Ressonanz-Phänomene auslösen, die ohne stabilen therapeutischen Rahmen schwer aufzufangen sind. Bei akuter PTBS, akuter Trauer, akuter Krise: nur Genogramm, keine Aufstellung.
Wenn die Methodenkenntnis fehlt. Aufstellungsarbeit ist eigenes Handwerk. Wer sie nicht beherrscht, soll sie nicht kombinieren — auch nicht „nur mal kurz". Methodischer Dilettantismus ist berufsethisch heikel.
Konkrete Integration: Drei Formate
Format A: Genogramm zuerst, Aufstellung als Vertiefung
90-Minuten-Sitzung. Erste 45 Minuten: Genogramm zeichnen, drei Generationen. Zweite 45 Minuten: Ein bis zwei zentrale Beziehungen räumlich aufstellen — entweder im Raum mit Stühlen oder am Tisch mit Figuren.
Vorteil: Das Genogramm strukturiert das Vorhaben, die Aufstellung vertieft selektiv. Die Klient:in muss nicht das ganze System aufstellen — nur die Stellen, die sie wirklich interessieren.
Format B: Aufstellung zuerst, Genogramm als Konsolidierung
Eher selten, aber sinnvoll bei sehr körperlich orientierten Klient:innen. Erst die Aufstellung — sie bringt das Erleben — dann das Genogramm zur Strukturierung der Erkenntnisse.
Format C: Parallel — Aufstellung am Tisch mit Figuren während des Zeichnens
Familienbrett mit kleinen Figuren neben dem Papier. Während die Klient:in die Familie zeichnet, stellt sie parallel Figuren auf. Beide Bilder können verglichen werden: Wo passen sie zueinander, wo entstehen Diskrepanzen?
Das ist die niedrigschwelligste Variante und auch für ungeübtere Berater:innen handhabbar.
Mini-Fallbeispiel
Klientin, Mitte 40, kommt nach Tod der Mutter mit Konflikten mit der älteren Schwester über die Wohnungsauflösung. Das Genogramm zeigt eine klassische Konstellation: Mutter — Klientin — Schwester in einem Dreieck, der Vater früh ausgestiegen.
Auf die Frage „Wo stehen Sie in diesem Bild — räumlich?" stellt die Klientin sich mit den Stühlen auf: Mutter und Schwester eng beieinander, sie selbst weit weg, zur Tür hin orientiert. Diese Position überrascht sie selbst. „So habe ich es nie gesehen, aber genau so ist es." Die Sitzung kippt von Konflikt-Analyse zu Trauer-Arbeit — die räumliche Position der Klientin verrät, dass sie nie wirklich in der Familie war.
Das hätte das Genogramm allein nicht geleistet.
Was zu beachten ist
Sauberer Wechsel zwischen den Modi. Wenn ich von Zeichnen zu Aufstellen wechsele, mache ich das explizit: „Wir machen jetzt etwas anderes. Stehen Sie auf, wir nutzen den Raum." Methodischer Übergang braucht Markierung.
Aufstellung niemals als Diagnose der Familie. Die Klient:in stellt ihre Wahrnehmung auf, nicht die Wahrheit über das System. Diese Unterscheidung muss klar bleiben — sonst landet man in dogmatischer Aufstellungsarbeit, die in der systemischen Beratung problematisch ist.
Dokumentation: Die Aufstellung wird nicht im Genogramm festgehalten. Ich notiere im Verlaufsprotokoll, dass und wozu sie stattfand, nicht das Bild selbst. Das Bild gehört der Klient:in.
Weiterführende Links
- Wikipedia: Familienaufstellung — Methoden-Überblick
- DGSF: Aufstellungsarbeit — Fachverband, Standards
- Carl-Auer: Aufstellungsarbeit — Verlag, Standardwerke
- Klett-Cotta: Systemische Methodenintegration — Verlag
- Systemische Gesellschaft — SG Standards