Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 8 min
Was technisch nötig ist, was gut ankommt, was vermieden werden sollte — ein Erfahrungsbericht aus der ambulanten Familienhilfe und der mobilen Beratung.
Warum das Setting beim Hausbesuch alles ändert
Im Büro ist die Berater:in die Gastgeber:in. Beim Hausbesuch ist die Familie es. Diese Verschiebung wirkt sich auf jede Geste, jede Frage und jedes Methodenstück aus — auch und gerade aufs Genogramm. Wer das nicht reflektiert, produziert Widerstand, ohne zu wissen, woher er kommt.
Hausbesuche sind in der Jugendhilfe, der Familienhilfe, der ambulanten Pflege und Teilen der Suchtberatung Standard. Das Genogramm ist dabei oft das Medium, das Beziehung und Diagnostik in einem Schritt herstellt — aber nur, wenn das Setting passt.
Material-Liste
Was ich seit Jahren in der Tasche habe — kein Anspruch auf Vollständigkeit:
- Großes Papier (mindestens A3, lieber A2 in Rollen). Niemals A4 — wirkt geizig und passt strukturell nicht zu drei Generationen.
- Drei Stifte in unterschiedlichen Farben. Schwarz für Struktur, blau für nahe Beziehungen, rot für Konflikte. Mehr Farben verwirren.
- Klemmbrett oder feste Unterlage — Küchentische haben Krümel, Couchtische sind oft zu wackelig.
- Aufkleber/Post-its für Notizen, die später wegfallen können — etwa Hypothesen, die im Gespräch noch nicht ausgesprochen werden.
- Ein Tuch zum Abdecken, wenn unterbrochen werden muss (Tür, Telefon, Kinder).
- Kein Tablet im Erstkontakt. Digitale Genogramm-Software ist toll, aber im Wohnzimmer der Familie wirkt sie distanzierend.
Was gut ankommt
Auf dem Boden arbeiten. Wenn Kinder dabei sind, ist der Boden oft der gleichberechtigteste Ort. Großeltern eher am Tisch (Knie schonen), Eltern oft auch — aber den Boden bewusst als Möglichkeit anbieten verändert die Atmosphäre messbar.
Die Familie zeichnen lassen. Statt selbst zu zeichnen, dem ältesten Kind den Stift geben („Du kennst dich am besten in der Familie aus") oder den Großvater bitten, die Generation seiner Eltern aufzumalen. Die Macht über den Stift verteilt die Macht über das Bild.
Kleine Anekdoten zulassen. „Mein Vater hat immer gesagt..." — diese Sätze sind Gold. Im Büro fehlt der Rahmen dafür. Im Wohnzimmer öffnet sich oft eine ganz andere Tiefe.
Was vermieden werden sollte
Den Fernseher nicht ausschalten lassen. Wenn die Familie ihn an lässt, ist das eine Information — sie kommunizieren, wie viel Aufmerksamkeit sie dem Termin geben. Selbst um Stille zu bitten, wirkt übergriffig.
Keine Symbol-Vorlesungen. Wer „lassen Sie mich Ihnen kurz die Symbolik erklären" sagt, hat die Hausbesuchs-Atmosphäre schon verloren. Symbole nebenbei einführen, wenn sie gebraucht werden.
Nicht über drei Generationen hinaus. Im Büro neigt man dazu, weiter zu fragen. Beim Hausbesuch ist die Ermüdung der Familie schneller erreicht. Drei Generationen — Eltern, Großeltern, Klient:in — sind in 90 Minuten gut machbar.
Datenschutz und DSGVO mitdenken. Beim Hausbesuch entstehen Notizen mit sensiblen Daten. Diese gehören in eine verschließbare Tasche, niemals offen auf den Tisch oder ins Auto.
Praxis-Vignette
Familie mit zwei pubertierenden Söhnen, ambulante Jugendhilfe. Erster Hausbesuch nach Eskalation in der Schule. Ich bringe A2-Papier und drei Stifte. Die Mutter setzt mich an den Küchentisch, die Söhne sitzen auf dem Sofa, der Vater steht. Nach 10 Minuten bitte ich: „Wer von Ihnen kennt Ihre Familie historisch am besten?" — der Vater. Ich gebe ihm den schwarzen Stift, gehe selbst auf einen Schritt Abstand. Die Söhne schauen nach 5 Minuten zu, kommen heran, ergänzen Onkel und Cousinen. Das Gespräch trägt sich von selbst.
Nach dem Hausbesuch
Foto vom Papier-Genogramm machen, bevor ich gehe. Es bleibt bei der Familie — auch das gehört zur Setting-Verschiebung. Im Büro nehme ich das Original mit; beim Hausbesuch lasse ich es dort, mit der Bitte, es nicht wegzuräumen.
Die digitale Übertragung in die Akte (z. B. mit GenoEasy oder analog) mache ich abends im Büro. Das verbindet die Wärme der Hausbesuchs-Atmosphäre mit der professionellen Dokumentationspflicht.
Weiterführende Links
- DGSF: Aufsuchende Familienarbeit — Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie
- socialnet Lexikon: Hausbesuch — Sozialarbeit-Lexikon
- Carl-Auer Verlag — Standardwerke zur systemischen Praxis
- Bundesarbeitsgemeinschaft Familie — Familienhilfe-Fachverband
- Klett-Cotta: Systemische Sozialarbeit — Verlag