Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 8 min

Drei strukturierte Erstgespräch-Formate, die in der systemischen Beratungspraxis Bestand haben — mit Wachstumsbogen, Schritt-Plan und Anker-Frage. Erfahrungen aus über 20 Jahren Familienarbeit.

Warum eine Vorlage — und warum mehr als eine?

In meiner Erfahrung scheitern Erstgespräche selten am Klientensystem, sondern am Setting. Wer ohne Plan in die erste Sitzung geht, lässt entweder das Genogramm zu früh aufmarschieren („Lassen Sie uns das mal aufzeichnen") oder lässt das Familiengespräch ohne strukturellen Anker mäandern. Beides erzeugt diffuse Unzufriedenheit — bei Klient:innen und bei Berater:innen.

Drei Vorlagen haben sich bei mir und in Intervisionsgruppen über Jahre als robust erwiesen. Sie sind nicht konkurrierend, sondern adressieren unterschiedliche Auftragslagen. Die Wahl der Vorlage gehört zur Vorbereitung — nicht in die Sitzung selbst.

Vorlage 1: Der Schritt-Plan (für klar umrissene Aufträge)

Geeignet, wenn Klient:innen mit einer konkreten Frage kommen („Wie gehe ich mit meinem Vater um, der seit dem Tod meiner Mutter abkapselt?") und ein klares Mandat haben.

  1. Auftragsklärung (10 min): „Was wäre ein gutes Ergebnis aus dieser Sitzung für Sie?" — Konkrete Antwort einfordern, keine Generalformel.
  2. Kontextrahmen (10 min): Wer lebt mit wem, seit wann, wie geht es derzeit? Hier noch keine Beziehungsqualitäten — nur Struktur.
  3. Genogramm-Skizze (20 min): Ich zeichne mit, die Klient:in spricht. Drei Generationen, keine Vollständigkeit angestrebt.
  4. Hypothesenbildung gemeinsam (15 min): „Was fällt Ihnen auf, wenn Sie das so sehen?" — die Klient:in zuerst, dann meine Beobachtung als Angebot.
  5. Nächste Schritte (5 min): Eine konkrete Aufgabe oder Reflexion bis zum nächsten Termin.

Vorlage 2: Der Wachstumsbogen (für offene Lebensphasen-Themen)

Geeignet, wenn Klient:innen mit einer diffusen Unzufriedenheit kommen („Ich komme aus meinem Leben nicht raus") und die Sitzung Orientierung schaffen soll.

Hier kommt das Genogramm später — erst nach 25-30 Minuten. Vorher geht es um die innere Bewegung: Wo komme ich her, wo möchte ich hin, was hält mich? Erst wenn diese Spannung sichtbar ist, wird das Genogramm zur Karte für die Bewegung.

Der Wachstumsbogen folgt Karl Tomms Konzept des „interventive interviewing": Jede Frage ist gleichzeitig Diagnostik und Intervention. Wer nach einer Sitzung das Gefühl hat, „etwas in Bewegung gebracht zu haben", auch ohne konkretes Ergebnis, hat den Wachstumsbogen gut umgesetzt.

Vorlage 3: Die Anker-Frage (für hochbelastete Erstgespräche)

Geeignet, wenn Klient:innen in akuter Krise kommen (frische Trennung, Tod, plötzliche Diagnose). Hier ist eine Strukturvorlage zu viel — die Klient:in würde sich nicht gesehen fühlen.

Stattdessen: Eine einzige Frage als Anker, die das Gespräch trägt. Bewährte Anker-Fragen:

  • „Wer fängt Sie gerade auf?"
  • „Was bringt Sie dazu, hier zu sein — und nicht zuhause auf dem Sofa?"
  • „Was bräuchten Sie heute, damit dieses Gespräch sich gelohnt hat?"

Das Genogramm entsteht in dieser Vorlage oft erst in der zweiten oder dritten Sitzung. Wer das in der ersten erzwingt, riskiert, dass die Klient:in nicht wiederkommt.

Praxis-Vignette

Eine 52-jährige Klientin kommt nach dem plötzlichen Tod des Bruders. Mein erster Impuls: Genogramm sofort. Ich entscheide mich dagegen und stelle die Anker-Frage „Wer fängt Sie gerade auf?". Antwort: niemand. Wir verbringen 50 Minuten mit der Geschichte der vergangenen drei Wochen. Das Genogramm entsteht in Sitzung 3 — und ist dann der Schlüssel, weil sie inzwischen Vertrauen aufgebaut hat, auch das schwierige Bruder-Vater-Verhältnis zu zeigen.

Was nicht funktioniert

Vorlagen-Wechsel mitten in der Sitzung. Wenn ich mit Vorlage 1 starte und merke, die Klient:in passt eigentlich besser zu Vorlage 3, halte ich die laufende Vorlage durch und korrigiere zur nächsten Sitzung. Methodische Hektik wirkt unprofessionell — auch wenn sie inhaltlich gerechtfertigt wäre.

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