Magazin „Praxis" · Lesezeit ca. 7 min
Wenn das Genogramm da ist — was tun? Hypothesen prüfen, Ressourcen aktivieren, Bewegung anstoßen. Praxiserfahrungen zur unterschätzten zweiten Sitzung.
Warum die zweite Sitzung anders ist
Die erste Sitzung ist Auftragsklärung und Bestandsaufnahme. Die zweite ist Arbeit. In meiner Erfahrung scheitern Beratungsverläufe selten an der ersten Sitzung — sondern an der zweiten, in der unklar bleibt, was mit dem gezeichneten Genogramm eigentlich angefangen werden soll.
Wer in der zweiten Sitzung das Genogramm einfach noch einmal anschaut und „weitermacht", verspielt das Momentum der ersten. Die Klient:in war zuhause, hat reflektiert, hat manchmal mit Familienmitgliedern gesprochen, hat etwas mitgebracht. Diese Energie braucht Struktur.
Drei Aufgaben für die zweite Sitzung
1. Hypothesen prüfen
Am Ende der ersten Sitzung hatten Sie als Berater:in vermutlich Hypothesen — Muster, die Sie bemerkten, Beziehungen, die auffielen. Diese gehören in der zweiten Sitzung explizit auf den Tisch, nicht als Diagnose, sondern als Angebot.
Standardsatz: „Als ich nach unserer letzten Sitzung darüber nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, dass... — was sagt das aus Ihrer Sicht?" Die Klient:in kann bestätigen, korrigieren, verfeinern. Sie nimmt eine aktive Rolle ein, statt passiv geleitet zu werden.
2. Ressourcen aktivieren
Das Genogramm ist meist deficit-orientiert gezeichnet: Konflikte, Sucht, Trennungen sind die auffälligen Marker. Die zweite Sitzung ist die Chance, das Bild zu balancieren: „Wo sind die Stärken? Wer hat überlebt? Wer hat es geschafft, was niemand erwartet hätte?"
Diese Ressourcen-Aktivierung ist nicht naiv-positives Denken, sondern systemische Diagnostik. Ressourcen sind Information darüber, was im System tragfähig ist — und Berater:innen brauchen diese Information, um nicht in der Pathologie zu verfallen.
3. Bewegung anstoßen
Die zweite Sitzung sollte nicht nur Erkenntnis bringen, sondern auch eine Bewegungsempfehlung. Das kann eine kleine Aufgabe sein („Sprechen Sie diese Woche mit Ihrer Tante über die Großmutter") oder eine innere Bewegung („Beobachten Sie diese Woche, wann Sie in die Rolle Ihrer Mutter rutschen, ohne es zu wollen").
Bewegung muss klein sein. Wer in der zweiten Sitzung große Veränderungen anstößt, riskiert Überforderung. Eine Mini-Beobachtungsaufgabe reicht oft.
Was sich in der zweiten Sitzung oft zeigt
Die Klient:in hat zuhause reflektiert. Oft kommen neue Informationen — Namen, Daten, Familienanekdoten, die in der ersten Sitzung nicht da waren. Diese Ergänzungen sind kein Nachtrag, sondern selbst Bewegung. Sie zeigen, dass die Klient:in das Genogramm als ihres begriffen hat.
Andere Familienmitglieder werden erwähnt. „Mein Onkel sagte, ich solle Ihnen erzählen, dass..." — solche Sätze sind Hinweise, dass das System reagiert. Berater:innen sollten dies markieren („Interessant, das System spricht"), nicht überhören.
Widerstand wird sichtbar. Manche Klient:innen kommen in der zweiten Sitzung distanzierter zurück. Das ist häufig — die erste Sitzung hat etwas aufgemacht, das jetzt verteidigt werden muss. Berater:innen sollten dies nicht als Misserfolg lesen, sondern als systemische Reaktion.
Praxis-Vignette
Klient, Anfang 30, kam in der ersten Sitzung wegen beruflicher Orientierungslosigkeit. Das Genogramm zeigte drei Generationen Akademiker, er selbst hatte abgebrochen. In der zweiten Sitzung bringt er ein Foto seines Großvaters mit — ein Bauer, der nie studiert hat und nie studieren wollte. „Den hatte ich vergessen."
Wir prüfen die Hypothese, dass er einen Loyalitäts-Konflikt zwischen zwei Familienlinien hat. Er bestätigt: „Vielleicht bin ich der erste, der das öffentlich macht." Die Sitzung kippt von Orientierungslosigkeit zu Auseinandersetzung mit einem ererbten Erwartungsdruck.
Das Foto des Großvaters bekommt einen festen Platz im Genogramm — als sichtbares Zeichen für die übersehene Linie.
Was zu vermeiden ist
Das Genogramm „neu" zeichnen. Wer die zweite Sitzung damit beginnt, das Genogramm neu aufzusetzen, signalisiert: Die erste Sitzung war Vorarbeit, jetzt geht es richtig los. Das entwertet die erste Sitzung — und entmutigt die Klient:in.
Methodensprünge. Wer von Genogramm zu Aufstellung zu Brief-an-die-Mutter zu Inneres-Kind in einer Sitzung springt, produziert Methodenrausch. Eine Methode pro Sitzung, gut umgesetzt.
Direktive Empfehlungen. „Sie sollten mit Ihrer Mutter sprechen." Diese Sätze sind kein Beratungs-Output, sondern Berater:innen-Druck. Empfehlungen sollten als Frage formuliert sein: „Was würde Ihre Tante sagen, wenn Sie sie das fragen würden?"
Wenn die Klient:in nicht wiederkommt
Manche Klient:innen kommen nach der ersten Sitzung nicht zur zweiten. Das ist meist kein Versagen, sondern eine Information: Entweder war das Setting nicht passend, oder die erste Sitzung war ausreichend. Berater:innen sollten dies nicht persönlich nehmen — aber für sich selbst reflektieren: Was hätte ich anders machen können?
In meiner Erfahrung ist die häufigste Ursache nicht „die Sitzung war schlecht", sondern „die Klient:in war noch nicht bereit". Das ist legitim. Eine kurze, freundliche Nachfrage per Mail genügt — kein Druck.
Weiterführende Links
- DGSF: Beratungsverläufe — Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie
- Karl Tomm: Interventive Interviewing — Methodischer Überblick
- Carl-Auer Verlag — Standardwerke zur systemischen Beratung
- Systemische Gesellschaft — SG Curricula
- socialnet Lexikon — Sozialarbeit-Lexikon