Mit lückenhaften Familieninformationen arbeiten - GenoEasy

Mit lückenhaften Familieninformationen arbeiten

Wenn die Daten fehlen: Lücken benennen, markieren, therapeutisch nutzen.

In jedem zweiten Erstgespräch fehlen Informationen. Der biologische Vater unbekannt, eine Großmutter im Krieg verloren, ein Onkel seit Jahrzehnten ohne Kontakt. Das ist nicht Ausnahme, sondern Regel — und das Genogramm hat damit umzugehen.

Genogramm mit gestrichelten Symbolen und Fragezeichen für unbekannte Personen
Lücken bleiben sichtbar — als gestrichelte Symbole und Fragezeichen.

Häufige Konstellationen

Vier Muster tauchen besonders oft auf: unbekannter biologischer Vater (bei Adoption, anonymer Spende oder ungeklärter Vaterschaft), Adoption ohne offene Akte, Migrationsgeschichten mit Kontaktverlust ganzer Familienzweige, und der ganz alltägliche Kontaktabbruch in der eigenen Generation — Geschwister, die seit Jahren nicht reden.

Jede dieser Konstellationen hat ihre eigene emotionale Färbung. Was sie verbindet: Es gibt Personen im Genogramm, über die die Klient:in entweder nichts weiß oder nichts wissen will — und beides ist Information.

Vier-Schritte-Flow bei Lücken: markieren, vermuten, klären, ergänzen
Vier Schritte, mit denen aus einer Lücke eine dokumentierte Vermutung wird.

Lücken sichtbar machen

Lücken werden nicht überspielt, sondern grafisch markiert:

  • Fragezeichen bei unsicheren Angaben (vermutetes Geburtsjahr, vermuteter Todesgrund).
  • Gestrichelte Linien für vermutete oder nicht belegbare Beziehungen.
  • Leere Symbole ohne Namen für bekannte, aber unbenannte Personen — „mein biologischer Vater" als Quadrat ohne Namen ist therapeutisch oft präziser als das Weglassen.

Das sichtbar gemachte Fehlen ist selbst eine Aussage. Ein leeres Quadrat hat eine andere Wirkung als kein Quadrat. Die Klient:in sieht: Da gehört jemand hin, von dem ich nichts weiß. Das ist der Anfang einer therapeutisch nutzbaren Frage.

Was die Lücke erzählt

Die Frage „Was wissen Sie nicht, würden aber gerne wissen?" ist eine der nützlichsten in der Genogrammarbeit. Sie lädt ein, die eigene Wissenslücke zu betrachten — und das, was die Klient:in sich an dieser Stelle vorstellt oder befürchtet, ist klinisch fast immer wichtiger als das tatsächliche Faktum.

Recherche-Optionen — Standesämter, Adoptionsakten, DNA-Tests — gehören in das Gespräch, aber nicht als Empfehlung. Sie sind Optionen, die die Klient:in kennen sollte, falls sie irgendwann anders entscheidet. Wer im Erstgespräch zu schnell zum „dann finden Sie das doch raus" greift, hat die Funktion der Lücke nicht verstanden.

Symbolübersicht für Unbekannt-, Vermutet- und Existenz-Unsicherheit
Symbol-Konventionen für unbekannte und vermutete Daten.

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