Hypothesen entwickeln und prüfen - GenoEasy

Hypothesen entwickeln und prüfen

Hypothese vs. Diagnose, kollaboratives Denken und warum Cecchin „nachgehend, nicht beweisend" arbeitete.

Eine Hypothese ist eine Einladung zum Mit-Denken. Eine Diagnose ist ein Urteil. Wer den Unterschied einmal gespürt hat, arbeitet anders.

Vier-Schritte-Schema der Hypothesenbildung mit Rückkopplung
Beobachten — Hypothese — Test — und im Bedarfsfall zurück.

Was eine Hypothese ist

Eine Hypothese ist ein offener Vorschlag, eine vorläufige Lesart, eine Frage in Aussagesatz-Form. Beispiel: „Es scheint, als ob in jeder Generation eine Tochter die Mutter pflegt — könnte das ein Muster sein?" Die Klient:in darf zustimmen („ja, das stimmt"), widersprechen („nein, das war anders"), oder modifizieren („nicht die Tochter — die Schwiegertochter"). Jede dieser Antworten bringt die Arbeit weiter.

Eine Diagnose wäre der gleiche Inhalt im Indikativ: „Die Frauen in Ihrer Familie sind in einem Pflege-Muster gefangen." Das ist eine andere Sprechakt-Form — und sie schließt das Gespräch, statt es zu öffnen. Die Klient:in kann nur zustimmen oder kämpfen; sie kann nicht mit-denken.

Drei farbig markierte Hypothesenpfade in rot, blau und grün
Drei Hypothesen am selben Genogramm — jede führt eine andere Spur.

Mehrere Hypothesen parallel

Gute Genogrammarbeit hält mehrere Hypothesen gleichzeitig in der Schwebe. Drei Prinzipien:

  • Nicht zu früh festlegen. Die erste Hypothese ist selten die beste; sie ist die naheliegendste.
  • Konkurrierende Lesarten erlauben. „Es könnte Loyalität sein — oder es könnte schlicht Verfügbarkeit sein."
  • Die Klient:in Hypothesen vorschlagen lassen. Oft hat sie eigene Theorien, die besser sind als die der Berater:in.

Gianfranco Cecchin nannte diese Haltung „nachgehend, nicht beweisend". Eine Hypothese ist ein Werkzeug zum Weiterdenken, nicht zum Recht-Behalten. Wenn sie sich im Lauf der Beratung als falsch erweist, wird sie verworfen — ohne Verlust.

Kollaborativer Prozess

Hypothesenbildung ist Mannschaftssport. Die Berater:in bringt systemisches Wissen und Außenblick mit; die Klient:in bringt das Insiderwissen über ihre Familie mit. Beides zusammen ist mehr wert als jedes für sich. Eine Genogrammsitzung, in der die Berater:in alle Hypothesen liefert und die Klient:in nur abnickt oder dementiert, hat ihren Zweck verfehlt.

Hypothesen sind Arbeitsinstrumente, keine Wahrheiten. Sie verändern sich im Lauf der Beratung — und das ist kein Mangel, sondern das Wesen der Methode. Wer am Ende mit denselben Hypothesen wie am Anfang dasteht, hat nicht gut gearbeitet.

Vier-Phasen-Iterationsschleife zwischen Beobachten und Intervenieren
Iterations-Schleife — Hypothesen wachsen mit jeder Sitzung.

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