Wenn die Familie in der Krise ist, ist das Genogramm besonders nützlich — und besonders gefährlich. Es kann sortieren oder verschärfen, je nachdem, wer es führt und mit welchem Bewusstsein.
Was hochkonflikthaft heißt
Hochkonflikt-Familien zeichnen sich nicht durch die Heftigkeit eines einzelnen Streits aus, sondern durch die Persistenz: der Konflikt dauert auch nach der Trennung an, oft über Jahre. Typische Konstellationen: eskalierte Scheidungen mit Gerichtsverfahren, fortdauernde Vorwürfe zwischen den Eltern, induzierte Eltern-Kind-Entfremdung (PAS-nah, ohne den umstrittenen Diagnosebegriff zu bemühen), Triangulationen mit neuen Partnern oder Großeltern.
Im Genogramm sieht das oft so aus: viele aktuelle Konfliktlinien, schnelle Wechsel der Bezugspersonen, plötzliche Cutoffs in der jüngsten Generation. Wer in dieser Phase ein Genogramm erstellt, dokumentiert einen Krisenzustand — nicht den Normalzustand der Familie.
Ohne Partei ergreifen
Die Versuchung, sich auf eine Seite zu schlagen, ist groß — besonders, wenn nur ein Elternteil in der Beratung sitzt. Drei Schutzmaßnahmen:
- Aktuelle Beziehungsqualitäten zeichnen, nicht historische Etiketten: „derzeit konfliktreich" statt „immer konfliktreich".
- Mehrere Versionen zulassen: wenn die Klient:in im Lauf der Beratung umdeutet, wird das Genogramm aktualisiert, nicht widerrufen.
- Drittpositionen einführen: zirkuläre Fragen (siehe L2) holen die Sicht des Kindes, der Großmutter, des Anwalts ins Bild.
Wenn das Kind zwischen den Eltern gefangen ist, wird der Loyalitätskonflikt nicht durch Diagnose anerkannt, sondern durch Sichtbarmachung: zwei Beziehungslinien, die das Kind in entgegengesetzte Richtungen ziehen. Das Bild sagt mehr als jede Erklärung.
Genogramm im Familiengerichtsverfahren
Heikle Sondersituation: Wenn ein Familiengerichtsverfahren läuft, kann das Genogramm zur Akte werden. Was dort steht, ist potenziell für Gegenanwalt, Verfahrensbeistand, Gutachter lesbar. Sorgfalt steigt: keine Mutmaßungen ins Bild, keine Bewertungen, keine Diagnosen. Beziehungsqualitäten nur in der Sprache der Klient:in, klar als deren Sicht markiert.
In dieser Phase ist weniger oft mehr. Ein schlankes, faktengestütztes Genogramm dient der Klient:in besser als ein detailliertes Bild, das sie später selbst nicht mehr verantworten will.