In der systemischen Therapie gibt es ein Paradox, das selten ausgesprochen wird: Man behandelt eine Person, aber das Problem sitzt nicht in der Person, sondern im System. Das Genogramm ist das Werkzeug, das dieses System auf den Tisch bringt – buchstäblich.

Warum Genogramme in der systemischen Therapie unverzichtbar sind

Die systemische Therapie betrachtet den Menschen nicht isoliert, sondern als Teil eines Beziehungssystems – was im Grunde bedeutet, dass der Klient, der in der Praxis sitzt, nie allein kommt, auch wenn er allein erscheint. Seine Familie sitzt unsichtbar neben ihm, und manchmal drei Generationen davon gleichzeitig. Das Genogramm bildet dieses unsichtbare Publikum visuell ab und macht Zusammenhänge sichtbar, die vorher im Nebel der Familiengeschichte verborgen waren.

Zirkuläre Wechselwirkung im System mit kreisförmigen Pfeilen
Zirkuläre Wechselwirkung — jedes Verhalten ist Ursache und Wirkung zugleich.

Schon McGoldrick und Gerson erkannten in den achtziger Jahren, dass ein standardisiertes Genogramm weit mehr leisten kann als ein klassischer Stammbaum. Es erfasst nicht nur die Fakten, sondern auch die emotionalen Beziehungsqualitäten, die wiederkehrenden Muster und jene transgenerationalen Themen – Verlust, Sucht, psychische Erkrankungen –, die Familien so ungern besprechen und so zuverlässig weitergeben.

Die fünf wichtigsten Einsatzgebiete

In der systemischen Praxis erfüllt das Genogramm verschiedene Funktionen:

  • Hypothesenbildung: Welche Muster wiederholen sich über Generationen? Gibt es auffällige Häufungen von Trennungen, Erkrankungen oder Berufswahlmustern?
  • Ressourcenidentifikation: Welche Stärken und Bewältigungsstrategien finden sich in der Familiengeschichte? Wer hat ähnliche Herausforderungen bereits gemeistert?
  • Beziehungsanalyse: Wo bestehen enge Bindungen, wo Konflikte oder Abbrüche? Welche Koalitionen und Triangulierungen lassen sich erkennen?
  • Kontextualisierung: Wie lassen sich aktuelle Symptome oder Konflikte im Zusammenhang der Familiengeschichte verstehen?
  • Gesprächsgestaltung: Das gemeinsame Erstellen des Genogramms in der Sitzung ist selbst eine therapeutische Intervention – es regt zur Reflexion an und eröffnet neue Perspektiven.

Transgenerationale Muster erkennen

Ein zentraler Aspekt der systemischen Genogrammarbeit ist das Aufdecken transgenerationaler Muster – und dabei zeigen sich oft Parallelen, die den Klient:innen überraschen, den Therapeut:innen aber nicht mehr überraschen sollten: Der Klient, der unter Beziehungsproblemen leidet, entdeckt, dass Trennungen und Beziehungsabbrüche sich über drei Generationen wiederholen, als gäbe es ein unsichtbares Familiengesetz, das er nie unterschrieben hat.

Systemische Schleife aus Hypothese, Intervention und Feedback
Hypothese → Intervention → Feedback — die Grundschleife systemischer Arbeit.

Diese Muster sind nicht deterministisch – sie sind keine Urteile, sondern Hypothesen. Sie zeigen unbewusste Loyalitäten und unerledigte Aufträge aus dem Familiensystem. Birgit Hickey beschreibt in ihrem Buch „Wie die Familie unser Leben bestimmt", wie scheinbar therapieresistente Probleme erst durch den Blick auf transgenerationale Verstrickungen zugänglich werden – manchmal reicht es, das Muster zu sehen, um aufhören zu können, es zu wiederholen.

Praxistipp: Fragen Sie bei wiederkehrenden Themen immer mindestens drei Generationen zurück. Was als individuelles Problem erscheint, entpuppt sich oft als Familienmuster – und die Wiederholung über Generationen ist häufig der Schlüssel, der die Tür öffnet.

Das Genogramm in der Sitzung: Schritt für Schritt

So integrieren Sie die Genogrammarbeit in Ihre therapeutische Praxis:

  1. Einführung: Erklären Sie dem Klient:innen den Zweck und die Vorgehensweise. Betonen Sie, dass es kein „richtig" oder „falsch" gibt.
  2. Gemeinsame Erstellung: Beginnen Sie mit der Index-Person und bauen Sie das Genogramm gemeinsam auf. Die Fragen, die dabei entstehen, sind oft aufschlussreicher als die Antworten.
  3. Muster markieren: Lenken Sie die Aufmerksamkeit auf Wiederholungen und Auffälligkeiten. Nutzen Sie zirkuläre Fragen: „Was hätte Ihre Großmutter dazu gesagt?"
  4. Hypothesen entwickeln: Formulieren Sie gemeinsam mit dem Klient:innen Hypothesen über Zusammenhänge. Bleiben Sie neugierig und vermeiden Sie vorschnelle Interpretationen.
  5. Ressourcen würdigen: Achten Sie bewusst auch auf Stärken, gelungene Beziehungen und überwundene Krisen im Familiensystem.

Vertiefung: Genogramm und systemische Aufstellungen

Besonders wirkungsvoll ist die Kombination von Genogrammanalyse und systemischer Aufstellung: Was im Genogramm als Muster sichtbar wird, kann in der Aufstellung körperlich erfahrbar gemacht werden – ein Schritt vom Sehen zum Spüren, der therapeutisch oft den Unterschied ausmacht. Birgit Hickey verbindet beide Methoden in ihrem familienbiografisch-transgenerationalen Ansatz und zeigt, wie die im Genogramm sichtbar gewordenen Zusammenhänge durch Aufstellungsarbeit nicht nur verstanden, sondern gelöst werden können.

Buchtipp: Birgit Hickey – „Wie die Familie unser Leben bestimmt. Genogramm und systemische Aufstellungen" (Carl-Auer Verlag, 2. Auflage 2024, 359 Seiten, ISBN 978-3-8497-0443-8). Ein umfassendes Praxisbuch, das Genogrammanalyse und Aufstellungsarbeit verbindet.

Mit GenoEasy lassen sich die beschriebenen Methoden direkt in der Praxis umsetzen: Genogramme digital erstellen, transgenerationale Muster farblich markieren und die Ergebnisse als PDF für Supervision und Dokumentation exportieren – damit das, was in der Sitzung sichtbar wurde, nicht auf einem Flipchart-Blatt in der Schublade verschwindet.

Vergleich linear-kausales und zirkulär-systemisches Denken
Linear vs. zirkulär — die Frage „Wer ist schuld?" wird zu „Wofür ist das gut?"

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