Ein Genogramm entfaltet seine volle Stärke erst dann, wenn man es an konkreten Beispielen versteht. Abstrakte Symbole werden lebendig, sobald man sieht, wie eine Patchwork-Familie, eine Migrationsfamilie oder ein klinisches Mehrgenerationen-Genogramm tatsächlich aussieht. Dieser Artikel zeigt sechs typische Familienstrukturen – von einfach bis komplex – und erklärt, was man an jedem Beispiel lernen kann.

Genogramm einer Kleinfamilie mit Eltern und zwei Kindern
Kleinfamilie — der Standardfall mit zwei Generationen.

Was ein gutes Genogramm-Beispiel leisten muss

Genogramm-Beispiele sind mehr als Illustrationen. Sie sind Lernwerkzeuge: Sie zeigen, welche Symbole in welchem Kontext sinnvoll sind, wie Beziehungslinien Qualitäten vermitteln und wie Generationen sauber angeordnet werden. Ein gutes Beispiel zeigt immer Struktur, Beziehungen und mindestens eine fachlich relevante Besonderheit.

Die folgenden sechs Beispiele sind nach steigender Komplexität geordnet. Sie decken die häufigsten Familienkonstellationen ab, die in Therapie, Beratung und sozialer Arbeit begegnen.

Drei-Generationen-Standard-Genogramm mit Großeltern, Eltern und Geschwistern
Drei-Generationen-Standard — der typische Fall in Beratung und Therapie.

Sechs Genogramm-Beispiele aus der Praxis

Jedes Beispiel beschreibt die Familienstruktur, die verwendeten Symbole und den fachlichen Erkenntnisgewinn:

Patchwork-Familien-Genogramm mit Stiefkindern und mehreren Partnerschaften
Patchwork mit Stiefkindern — moderne Familienform vollständig dokumentiert.

Beispiel 1: Die Kleinfamilie

Zwei Elternteile (verheiratet), drei Kinder in Altersreihenfolge von links nach rechts. Dieses Basisbeispiel zeigt die Grundstruktur: Partnerschaftslinie oben, Kinderlinie unten, Eltern zentriert über den Kindern. Ideal als Einstieg, um Symbole und Anordnungsprinzipien zu verstehen.

Beispiel 2: Die Patchwork-Familie

Ein Elternteil bringt Kinder aus einer früheren Beziehung mit, der andere ebenfalls. Die geschiedene/getrennte Partnerschaft wird mit der entsprechenden Linie (// oder //X) dargestellt. Das Beispiel verdeutlicht, wie Loyalitäten und Halbgeschwister-Beziehungen im Genogramm lesbar werden.

Beispiel 3: Drei-Generationen-Genogramm

Großeltern (Generation 1), Eltern (Generation 2), Kinder (Generation 3) auf drei horizontalen Ebenen. Hier wird sichtbar, wie sich Muster über Generationen fortsetzen – etwa Berufe, Erkrankungen oder Beziehungsqualitäten. Besonders wertvoll in der systemischen Therapie.

Beispiel 4: Klinisches Genogramm (psychiatrischer Kontext)

Eine Familie mit mehrfach auftretenden psychischen Erkrankungen über zwei Generationen. Symbole für Erkrankungen (z. B. schraffierte Segmente) zeigen Häufung und Vererbungsmuster. Dieses Beispiel ist besonders in der klinischen Diagnostik und in der Psychiatrie relevant.

Beispiel 5: Migrationsfamilie

Eine Familie, deren Mitglieder in verschiedenen Ländern leben oder mehrfach migriert sind. Geburts- und Wohnorte, Sprachen und kulturelle Zugehörigkeiten können als Notizen ergänzt werden. Das Genogramm hilft, Akkulturationsstress, Trennungen und transnationale Familiendynamiken sichtbar zu machen.

Beispiel 6: Mehrgenerationen-Genogramm (4 Generationen)

Vier Generationen mit wiederkehrenden Mustern: Sucht, frühe Verluste oder Beziehungsabbrüche. Dieses komplexe Beispiel zeigt, wie vertikale Stressoren (transgenerationale Weitergabe) im Genogramm sichtbar werden – ein zentrales Konzept bei Murray Bowen sowie bei Betty Carter und Monica McGoldrick.

Was man aus Beispielen lernt

Jedes Genogramm-Beispiel schärft den Blick für bestimmte Aspekte der Familienarbeit:

  • Symboldisziplin: Einheitliche Verwendung von Symbolen macht Genogramme vergleichbar und lesbar.
  • Beziehungsqualitäten: Die Linientypen (eng, konfliktreich, distanziert) erzählen mehr als Worte.
  • Zeitachse: Daten (Geburts-, Heirats-, Todesjahre) verwandeln das statische Bild in eine Familiengeschichte.
  • Mustererkennung: Wiederkehrende Themen über Generationen werden erst im Genogramm als Muster sichtbar.

Eigene Genogramme erstellen – von der Vorlage zum Praxisdokument

Die Beispiele in diesem Artikel eignen sich als Ausgangspunkt für eigene Genogramme. In der Praxis empfiehlt es sich, mit einer passenden Vorlage zu beginnen und das Genogramm im Gespräch mit der Familie gemeinsam zu entwickeln – denn der Prozess des Erstellens ist oft ebenso wertvoll wie das fertige Ergebnis.

Tipp: GenoEasy enthält fertige Vorlagen für alle sechs hier gezeigten Familienstrukturen. Öffnen Sie die App, wählen Sie „Neue Vorlage" und passen Sie das Genogramm im Dialog mit Ihrer Klientin oder Ihrem Klienten an.

Digitale Genogramme haben dabei einen entscheidenden Vorteil: Sie können jederzeit aktualisiert, ergänzt und sicher gespeichert werden – ohne dass ein Neuzeichnen erforderlich ist. Das spart Zeit und ermöglicht es, die Familiengeschichte über den gesamten Therapie- oder Beratungsprozess hinweg lebendig zu halten.

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