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Wer Genogramme begleitet, ohne das eigene gezeichnet zu haben, übersieht systematisch die Stellen, an denen die eigene Familiengeschichte in die Klient:innenarbeit hineinresoniert. Dieses Workbook führt Sie durch eine strukturierte Eigen-Genogramm-Arbeit — Pflichtelement vieler DGSF- und SG-Curricula, hier als Selbsterfahrungs-Format für die Akademie.
Einleitung
Die DGSF (Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie) und die SG (Systemische Gesellschaft) verankern Eigenreflexion in ihren Weiterbildungs-Curricula als verbindlichen Bestandteil. Das ist nicht Mode, sondern empirisch und klinisch gut begründet: Gegenübertragung, also die unbewusste Reaktion der Fachkraft auf das Klientensystem, ist in der systemischen Arbeit ein zentraler Wirkfaktor — als Ressource, wenn sie reflektiert ist, als blinder Fleck, wenn sie nicht reflektiert ist. Das Eigen-Genogramm ist das spezifische Werkzeug für diesen Reflexionsschritt.
Wichtig vorab: Dieses Workbook ist Selbsterfahrung, keine Therapie. Es kann Themen berühren, die therapeutische Begleitung verdienen — am Ende der Lektion finden Sie Hinweise, wann Sie diese suchen sollten. Die Arbeit ist freiwillig, in dem Tempo, das für Sie passt, und in dem Umfang, der Ihnen gut tut.
Material und Vorbereitung
Material: - Großes Blatt Papier (mindestens DIN A2) oder GenoEasy-Software in der Solo-Variante. - Stifte in mindestens drei Farben (z. B. schwarz für Strukturen, blau für nahe Beziehungen, rot für Konflikte). - Optional: Familienfotos, alte Stammbäume, Geburtsurkunden, Briefe — jedes Dokument, das Ihnen begegnet ist. - Ein Reflexions-Journal für die Wochen nach der Arbeit.
Setting: - Ungestörte Zeitfenster. Sie können das Workbook am Stück (ca. 4 Stunden) oder verteilt über mehrere Tage bearbeiten. Die verteilte Variante ist meist angenehmer. - Ruhiger Raum, kein Bildschirm-Hintergrund (kein E-Mail-Tab im Augenwinkel). - Ein Glas Wasser, eine Tasse Tee — kleine Selbstfürsorge-Marker.
Vertraulichkeit: - Das Eigen-Genogramm ist Ihr persönliches Dokument. Es gehört nicht in eine Personalakte, eine Klinikdokumentation oder einen Supervisionsbericht — es sei denn, Sie entscheiden sich aktiv dafür. - Wenn Sie es in einer Supervisionsgruppe einbringen, gilt dort dieselbe Schweigepflicht wie für Klient:innenfälle.
Übungsblock 1: Bestandsaufnahme (45 min)
Ziel: Strukturelle Familienskizze über drei Generationen aufwärts (Sie, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, soweit bekannt) und eine Generation abwärts (Kinder, falls vorhanden), inklusive Geschwister.
Anleitung: 1. Zeichnen Sie sich selbst in die Mitte des Blattes (□ oder ○ oder anderes selbstgewähltes Symbol). Notieren Sie Geburtsjahr. 2. Ergänzen Sie Eltern, Großeltern, Urgroßeltern — mit Namen, Geburts- und (wo zutreffend) Sterbedaten. Lassen Sie Lücken bewusst stehen, wo Sie nichts wissen. 3. Tragen Sie Geschwister, Tanten/Onkel, eigene Kinder ein. 4. Markieren Sie Trennungen, zweite Ehen, Stiefkinder, Adoptionen. 5. Wenn Sie nicht weiterkommen: das Genogramm darf unvollständig sein. Lücken sind Information.
Reflexionsfragen: - Wer gehört für mich selbstverständlich zur Familie, wer hat einen unklaren Status? - Welche Namen kenne ich nicht? Welche Lücken sind systematisch (z. B. eine ganze Linie unbekannt)? - Wann habe ich zuletzt mit wem in meiner Familie über meine Familie gesprochen? - Wer war meine Quelle für die Informationen, die ich gerade aufgeschrieben habe — meine Mutter, mein Vater, ein:e Großelternteil? Wessen Perspektive ist also überrepräsentiert?
Übungsblock 2: Beziehungslandkarte (45 min)
Ziel: Die emotionalen Qualitäten zwischen den eingezeichneten Personen sichtbar machen.
Anleitung: 1. Verwenden Sie die Standard-Symbolik für Beziehungsqualitäten: Doppellinie (eng), gestrichelte Linie (distanziert), gezackte Linie (konflikthaft), durchkreuzte Linie (abgebrochen), Dreieck (Dreieckskonstellation). 2. Beginnen Sie mit den Beziehungen, die für Sie als Erstes auftauchen — meist die eigenen Eltern und Geschwister. 3. Arbeiten Sie sich in die Großelterngeneration vor: Wie haben Sie deren Beziehungen erlebt? Wenn Sie sie nicht direkt kannten — wie wurden sie erzählt? 4. Markieren Sie Allianzen (wer war mit wem verbündet?), Koalitionen (wer hat sich gegen wen zusammengeschlossen?), Außenseiter:innen.
Reflexionsfragen: - Welche Beziehung war für mich in der Kindheit zentral? Wie ist sie heute? - Wo verlaufen die emotionalen Hauptachsen meiner Familie? - Welche Dreiecke sehe ich (klassisch: Vater–Mutter–Kind, Mutter–Tochter–Großmutter)? - Wer im System hatte Macht, wer hatte Stimme, wer hatte beides nicht?
Übungsblock 3: Heiße Stellen (40 min)
Ziel: Themen identifizieren, die körperlich-emotional aktivieren — die "Resonanz-Hotspots" Ihres eigenen Genogramms.
Anleitung: 1. Schauen Sie sich das Gesamtbild langsam an. Lassen Sie den Blick wandern, ohne etwas zu suchen. 2. Achten Sie auf körperliche Reaktionen: Enge in der Brust, Schwere, Müdigkeit, Reizbarkeit, der Wunsch, das Blatt zuzuschlagen. 3. Markieren Sie die Stellen, an denen Sie etwas spüren, mit einem kleinen Symbol (z. B. einem Punkt in einer dritten Farbe). Sie müssen nicht wissen, was es ist — Sie markieren nur, wo es ist. 4. Wenn etwas zu stark wird: Pause machen. Aufstehen, Wasser trinken, an die Luft gehen. Nichts erzwingen.
Reflexionsfragen: - Welche Person kann ich kaum ansehen, welche idealisiere ich auffällig? - Welche Themen sind in meiner Familie nie ausgesprochen worden? (Tod, Geld, Sexualität, psychische Erkrankung, NS-Verstrickungen, Migration, Suchterkrankungen — die klassischen Tabu-Bereiche) - Welche Familiengeheimnisse vermute ich, ohne sie zu kennen? - Bei welcher Stelle würde ich am liebsten gar nicht hingucken? (Das ist oft die wichtigste.)
Übungsblock 4: Aufträge und Vermächtnisse (45 min)
Ziel: Unausgesprochene generationenübergreifende Aufträge identifizieren, die in der eigenen Lebensführung wirksam sind.
Anleitung: 1. Schauen Sie auf Ihre eigene Position im Genogramm und auf die Lebenswege aufwärts (Eltern, Großeltern). 2. Notieren Sie Stichworte zu: Berufswahl, Partnerwahl, Kinderwunsch, Wohnort, Konfession/Weltanschauung, Politik. Was haben Sie übernommen? Wovon haben Sie sich bewusst abgegrenzt? 3. Boszormenyi-Nagys Begriff der Loyalität ist hier hilfreich: An wen sind Sie loyal, ohne es bewusst entschieden zu haben? Wer "geht mit" in Ihren Entscheidungen? 4. Stierlins Begriff des Delegationsauftrags: Was war es, das Sie "für die Familie" tun sollten — bewusst oder unbewusst?
Reflexionsfragen: - Welche Lebensentscheidung war "familienkompatibel", welche war eine Abgrenzung? - Wem in der Familie habe ich mit meiner Berufswahl Recht gegeben — wem widersprochen? - Welche unerledigten Themen meiner Eltern oder Großeltern haben Sie nicht losgelassen? - Wenn ich heute eine andere Lebensentscheidung treffen würde — wem im System gegenüber wäre das illoyal?
Übungsblock 5: Resonanz mit Klient:innen (30 min)
Ziel: Die Verbindung zwischen Eigen-Genogramm und der eigenen Berufspraxis herstellen.
Anleitung: 1. Denken Sie an drei bis fünf Klient:innen-Fälle, in denen Sie sich besonders stark engagiert haben — oder umgekehrt unerklärlich distanziert, gereizt, ungeduldig. 2. Notieren Sie die Familienkonstellation in jedem Fall in einem Stichwort (z. B. "alleinerziehende Mutter mit pubertierender Tochter", "Witwer pflegt erwachsenen behinderten Sohn", "Geschwisterkonflikt nach Erbschaft"). 3. Vergleichen Sie diese Stichworte mit Ihrem Eigen-Genogramm. Wo gibt es strukturelle Ähnlichkeiten? 4. Sie suchen keine perfekte Übereinstimmung, sondern Resonanz-Muster.
Reflexionsfragen: - Welche Klient:innen-Konstellationen aktivieren mich besonders — positiv (übermäßige Identifikation) oder negativ (Aversion)? - Wo könnte ich systematisch fremde Geschichte mit eigener verwechseln? - Gibt es Themen, die ich im Klient:innengespräch vermeide, weil sie mich selbst angehen? - Wo bräuchte ich gezielt Supervision oder Intervision — und wo möglicherweise eigene Therapie?
Übungsblock 6: Integration und Selbstfürsorge (15 min)
Ziel: Das Erarbeitete in eine umsetzbare Form bringen, ohne es zu pathologisieren.
Anleitung: 1. Schreiben Sie drei Sätze: "Was ich aus diesem Workbook in meine Praxis mitnehme, ist…" 2. Identifizieren Sie ein bis zwei konkrete nächste Schritte: ein Supervisions-Thema, ein Gespräch mit einem Familienmitglied, eine Literaturempfehlung, die Sie sich selbst geben. 3. Planen Sie eine Aktualisierung: in einem Jahr, in fünf Jahren. Das Eigen-Genogramm ist kein einmaliges Ritual, sondern eine wiederkehrende Übung.
Empfehlungen für die Praxis: - Eigen-Genogramm einmal jährlich aktualisieren — gleicher Anlass wie Praxisrevision oder Geburtstag. - Supervision spezifisch zu Resonanz-Themen einplanen, mindestens einmal pro Quartal. - Bei größerer Erschütterung durch das Workbook: in den folgenden ein bis zwei Wochen keine schwer belasteten neuen Klient:innen-Genogramme. - Eigentherapie als Daueroption nicht stigmatisieren — auch erfahrene Fachkräfte profitieren wiederkehrend.
Abschluss und Integration
Sie haben jetzt ein Bild, das niemand außer Ihnen so sehen kann. Es ist nicht objektiv — vgl. Lektion 17 zur Reliabilität — und es ist nicht vollständig. Aber es ist Ihres, und es enthält Information, die Sie für Ihre Berufsarbeit nutzen können.
Drei Lese-Empfehlungen für das, was Sie gerade erarbeitet haben:
Erstens: Das Eigen-Genogramm ist Diagnostik der eigenen Reaktionen, nicht Diagnostik der eigenen Familie. Es geht nicht darum, "die Wahrheit über die Familie" herauszufinden, sondern darum, die eigenen Resonanzmuster zu kennen.
Zweitens: Manche Stellen im Bild werden Sie auch in einem Jahr noch nicht "verstehen". Das ist in Ordnung. Genogrammarbeit ist nie abgeschlossen — bei Klient:innen nicht und bei sich selbst nicht.
Drittens: Was Sie hier gemacht haben, qualifiziert Sie nicht für mehr Klient:innenarbeit, sondern für andere Klient:innenarbeit. Sie werden subtiler hören, vorsichtiger fragen, schneller eigene Reaktionen erkennen. Das ist der Punkt.
Wann professionelle Unterstützung suchen
Selbsterfahrung kann Themen auslösen, die über das hinausgehen, was Sie alleine bearbeiten sollten. Sie sollten therapeutische oder beratungsfachliche Unterstützung in Erwägung ziehen, wenn:
- Sie in den Tagen nach dem Workbook anhaltend stark belastet sind (Schlafstörungen, Grübeln, Reizbarkeit, depressive Stimmung).
- Erinnerungen auftauchen, die Sie nicht eingeordnet bekommen — insbesondere Trauma-Erinnerungen.
- Sie merken, dass eine bestimmte Klient:innengruppe Sie systematisch destabilisiert.
- Familiäre Konflikte sich nach dem Workbook akut verschärfen (etwa weil Sie das Bedürfnis haben, Themen mit Familienmitgliedern anzusprechen).
- Sie generell den Eindruck haben, dass "etwas Größeres" aufgemacht wurde, als Sie alleine tragen können.
Niedrigschwellige erste Schritte: Supervision mit ausdrücklichem Eigen-Genogramm-Fokus, kollegiale Intervision, persönliches Erstgespräch bei einer:m approbierten Psychotherapeut:in oder einer Beratungsstelle. Das ist keine Pathologie-Diagnose, sondern professionelles Handwerk.
Weiterführende Links
- https://www.dgsf.org/weiterbildung — DGSF Curricula und Standards
- https://www.systemische-gesellschaft.de/ — SG Curricula und Selbsterfahrung
- https://www.carl-auer.de/magazin/systemisches-lexikon/genogramm — Carl-Auer Lexikon, Stichwort Genogramm
- https://multiculturalfamily.org/ — Multicultural Family Institute (Hardy & Laszloffy, McGoldrick)
- https://www.bptk.de/ — Bundespsychotherapeutenkammer (für Hinweise auf Therapieplätze)