Ein Genogramm, das nur Eltern und Kind zeigt, ist kein Genogramm — es ist eine Skizze. Erst die dritte Generation macht aus einer Familienkonstellation ein Muster, und Muster sind das, was die Methode überhaupt sichtbar macht.
Warum drei?
McGoldrick und Gerson haben das Drei-Generationen-Prinzip nicht aus ästhetischen Gründen gewählt, sondern aus diagnostischen. Zwei Generationen zeigen Erziehung, drei Generationen zeigen Weitergabe. Wer beobachten will, wie eine Familie mit Verlust, Konflikt oder Nähe umgeht, braucht den Vergleich über mindestens eine Großeltern-Linie hinweg — sonst bleibt jede Hypothese ein Einzelfall.
Vier Generationen erhöhen die Aussagekraft erheblich, sind aber nicht immer erreichbar. Für klinische Standardarbeit gilt: drei sind Pflicht, vier sind Kür.
Wenn die Daten fehlen
In der Praxis ist die dritte Generation häufig der wunde Punkt. Gründe gibt es viele:
- Adoption: biologische Großeltern unbekannt — Adoptiv-Großeltern werden mit gestrichelter Linie gezeichnet.
- Migration: Kontakt abgebrochen, Dokumente verloren, Erinnerungen fragmentarisch.
- Familiengeheimnisse: bewusst verschwiegene Linien, oft selbst diagnostisch relevant.
Die saubere Lösung ist nicht, Lücken zu kaschieren, sondern sie zu markieren. Ein leeres Symbol mit dem Hinweis „unbekannt" ist informativer als eine erfundene Person.
Praktischer Umgang
Beginnen Sie mit der Index-Person und arbeiten Sie systematisch nach oben. Notieren Sie für jede Person mindestens Geburtsjahr, Geschlecht, Beziehungsstatus. Was nicht bekannt ist, wird ausdrücklich als unbekannt vermerkt — nicht weggelassen.
Ein Genogramm mit Lücken ist ein ehrliches Genogramm. Eines ohne Lücken ist meistens eines mit unausgesprochenen Annahmen.