Die Frage „Papier oder digital?" wird unter Therapeut:innen mit einer Leidenschaft diskutiert, die vermuten lässt, dass es um mehr geht als um Zeichenwerkzeuge. Ein nüchterner Vergleich – und ein Vorschlag, wie man das Beste aus beiden Welten verbindet.
Das klassische Papier-Genogramm
Handgezeichnete Genogramme haben eine lange Tradition, und wer schon einmal erlebt hat, wie ein Genogramm in der Sitzung gemeinsam auf Flipchart-Papier entsteht, kennt den besonderen Charme dieses Prozesses. Es gibt etwas Unmittelbares, Lebendiges daran, das schwer zu ersetzen ist.
Für kurze Übungen in Workshops, in Ausbildungskontexten oder wenn es darum geht, im Gespräch schnell eine Familienskizze zu erstellen, bleibt das Papier-Genogramm eine gute Wahl. Allerdings hat es auch seine Grenzen – und die werden spätestens dann spürbar, wenn die Familie komplizierter ist als das Blatt groß.
- Änderungen ohne Radierflecken schwierig
- Platz auf dem Blatt bei großen Familien begrenzt
- Archivierung und langfristige Aufbewahrung problematisch
Digitale Genogramm-Software
Digitale Genogramm-Programme haben in den letzten Jahren einen langen Weg zurückgelegt – von klobigen Spezialprogrammen zu intuitiven Werkzeugen, die man bedienen kann, ohne vorher ein Informatikstudium abzuschließen.
Die Stärken digitaler Genogramme im Überblick:
- Jederzeit änderbar: Ergänzungen, Korrekturen und Umstrukturierungen ohne Radierflecken
- Standardkonform: Symbole automatisch nach McGoldrick und Gerson
- PDF-Export: Professionelle Dokumentation für Akten und Berichte
- Sichere Speicherung: Lokale Verschlüsselung, DSGVO-konform
- Zeitsparend: Erstellung in wenigen Minuten statt Stunden
Direktvergleich
Die folgende Tabelle vergleicht beide Ansätze anhand der wichtigsten Kriterien:
| Kriterium | 📄 Das klassische Papier-Genogramm | 💻 Digitale Genogramm-Software |
|---|---|---|
| Flexibilität bei Änderungen | Schwierig (Radieren) | Sehr einfach (wenige Klicks) |
| Standardkonformität | Abhängig vom Zeichner | Automatisch |
| Archivierung | Physisch (Aktenschrank) | Digital (verschlüsselt) |
| Weitergabe | Kopieren/Abfotografieren | PDF / .geno-Datei |
| Kosten | Papier und Stifte | Software (kostenlose Testversion) |
| Datenschutz | Abschließbarer Schrank | Lokale Verschlüsselung |
Beide Ansätze haben ihre Berechtigung – die Frage ist weniger, welcher „besser" ist, sondern welcher in welcher Situation sinnvoller ist. Für den professionellen Praxisalltag überwiegen in den meisten Fällen die Vorteile der digitalen Lösung, und das nicht, weil Papier schlecht wäre, sondern weil Familien sich verändern und Genogramme mitwachsen müssen.
Fazit
Für den therapeutischen Praxisalltag bieten digitale Genogramme entscheidende Vorteile: Änderbarkeit, Standardkonformität, sichere Speicherung und professioneller Export – alles Dinge, die man nicht vermisst, bis man sie einmal hatte.
Die klügste Lösung ist vermutlich die pragmatischste: Nutzen Sie Papier für schnelle Skizzen in der Sitzung und übertragen Sie das Ergebnis anschließend ins Digitale. So verbinden Sie die Unmittelbarkeit des gemeinsamen Zeichnens mit der Präzision und Langlebigkeit der Software.
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