Die erste Sitzung entscheidet nicht über den Erfolg der Beratung — aber sie entscheidet darüber, ob die Klient:in bei der zweiten wiederkommt. Das Genogramm gehört in diese Phase, aber selten als Erstes auf den Tisch.
Zeitpunkt im Beratungsverlauf
Klassisch wird das Genogramm in der Anamnesephase eingeführt — nach der Auftragsklärung, sobald das Anliegen formuliert und die Beziehung tragfähig genug ist. Das ist meistens die zweite oder dritte Sitzung, je nach Geschwindigkeit und Vertrauen. Wer in der ersten Sitzung sofort beginnt, riskiert, die Klient:in in einen Diagnosemodus zu zwingen, bevor sie weiß, ob sie hierbleiben möchte.
Bei beratungserprobten Klient:innen — solche, die mit dem Format vertraut sind — kann das Genogramm früher kommen. Bei Erstklient:innen empfiehlt sich Zurückhaltung. Die Faustregel: Das Genogramm folgt dem Anliegen, nicht umgekehrt.
Wie einführen, ohne zu erschrecken
Die Formulierung macht den Unterschied. Statt „wir machen jetzt ein Genogramm" — was bei den meisten Klient:innen entweder Verwirrung oder Test-Assoziationen auslöst — funktionieren beschreibende Sätze besser:
- „Ich möchte verstehen, wie Ihre Familie zusammenhängt — ich schreibe das mit."
- „Damit ich den Überblick behalte, zeichne ich Ihre Familie auf — wenn das für Sie in Ordnung ist."
- „Es hilft mir, mir Ihre Familie aufzumalen, während Sie erzählen."
Das Wort „Genogramm" muss in der ersten Sitzung nicht fallen. Es ist ein Fachbegriff für das eigene Werkzeug, kein Marketing für die Klient:in. Was zählt, ist, dass sie versteht: Das ist gemeinsame Arbeit, kein Test.
Setting und Eingangsfragen
Sitzposition: nebeneinander, nicht gegenüber. Beide schauen auf dasselbe Papier. Das verändert die Dynamik — die Klient:in wird zur Mit-Zeichner:in, nicht zur Befragten. Bei digitaler Erstellung den Bildschirm so drehen, dass beide ihn sehen. Zeitrahmen: 15 bis 30 Minuten für die erste Skizze, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass das Genogramm in späteren Sitzungen wächst.
Gute Eingangsfragen sind offen und beziehungsorientiert: „Mit wem leben Sie zusammen?" — „Wer gehört für Sie zur Familie?" — „Wer ist Ihnen nahe, wer eher fern?" Vermieden werden in den ersten Minuten: Sterbedaten, Krankheiten, Suchtthemen. Die kommen, wenn die Klient:in den Boden unter den Füßen hat.