This lesson has not yet been translated — we are working on it. German content shown below.
Adoptiv- und Pflegekinder leben in mindestens zwei Familiensystemen parallel — das Genogramm muss beide gleichwertig abbilden können, ohne eines zu privilegieren. Es ist zugleich Diagnose-Instrument und Biografiearbeits-Werkzeug für das Kind selbst.
Zwei Familien, ein Mensch
Ein adoptiertes oder in Pflege lebendes Kind ist nicht ein Kind „aus" einer Familie, sondern ein Kind, das gleichzeitig mehreren Familien angehört. Die ältere systemische Praxis hat dieses Doppel oft hierarchisiert: Eine Familie wurde als „die richtige" markiert (meist die Adoptiv-/Pflegefamilie als sozial-rechtliche Realität), die andere als „Herkunftsfamilie" auf die Vergangenheit reduziert. Die jüngere Forschung — Brodzinsky, Palacios, Pertman — hat diese Hierarchisierung als entwicklungspsychologisch schädlich identifiziert. Kinder brauchen die Möglichkeit, beide Familien als gegenwärtige Bezugssysteme zu denken, auch wenn der Kontakt zur Herkunftsfamilie unterbrochen ist.
Für das Genogramm bedeutet das eine konkrete Konsequenz: Beide Familien müssen gleichwertig abgebildet werden — nicht als Haupt- und Nebenstrang, sondern als parallele Systeme, die das Kind in der Mitte verbinden. Technisch ist das anspruchsvoll, weil die klassische McGoldrick-Notation für ein primäres Abstammungssystem konzipiert wurde. In der Praxis hat sich bewährt, das Kind doppelt zu positionieren — einmal in der biologischen Herkunftslinie, einmal in der adoptierenden Familienstruktur — und die beiden Positionen durch eine eigene Symbolik zu verbinden.
Notationskonventionen
Es gibt keinen einheitlichen internationalen Standard für die Darstellung von Adoption und Pflege im Genogramm. Bewährt haben sich folgende Konventionen, die McGoldrick, Gerson und Petry in Genograms (4. Auflage, 2020, Norton) im Kapitel zu Adoption und Pflege ausführen:
- Gestrichelte Abstammungslinie zwischen Adoptiv-/Pflegeeltern und Kind, durchgezogene Linie zur biologischen Familie
- Adoptionspfeil: ein Pfeil von der Herkunfts- zur Adoptivfamilie, datiert mit Adoptions- oder Inpflegenahme-Datum
- „Bekannt/unbekannt"-Marker: ein Fragezeichen für Eltern, deren Identität dem Kind nicht bekannt ist; eine gestrichelte Person-Silhouette für „existent, aber nicht identifiziert"
- Statuswechsel-Marker: wenn ein Kind aus der Pflegefamilie in eine andere Pflegestelle oder zurück in die Herkunftsfamilie wechselt, wird jeder Übergang mit Datum und Begründungs-Stichwort markiert
Wichtig ist, dass diese Symbolik mit den Klient:innen ausgehandelt wird — besonders bei älteren Kindern und Jugendlichen, die ein eigenes Wort für ihre Lebenslage haben. Manche Pflegejugendliche lehnen die durchgezogene Linie zu den Pflegeeltern ab („das sind nicht meine richtigen Eltern"), andere lehnen die durchgezogene Linie zur leiblichen Mutter ab („sie hat mich verlassen"). Beide Haltungen sind legitim und sagen mehr über das Selbstverständnis des Kindes aus als jede Standard-Notation.
Loyalitätskonflikte nach Boszormenyi-Nagy
Iván Boszormenyi-Nagy hat in seinem kontextuellen Therapie-Ansatz das Konzept der „unsichtbaren Loyalitäten" entwickelt: Kinder fühlen sich ihren biologischen Eltern auch dann verpflichtet, wenn sie diese kaum oder gar nicht kennen — eine Loyalität, die existenziell mit der eigenen Herkunft verknüpft ist. In Adoptiv- und Pflegefamilien wird dieses Konzept hochrelevant. Das Kind steht in einem Spannungsfeld: Anerkennung der sozialen Realität (die Pflegeeltern versorgen es) gegen Treue zur biologischen Herkunft (die leibliche Mutter ist die Mutter).
Diese Loyalitätskonflikte werden oft nicht als Konflikte ausgedrückt, sondern als symptomatisches Verhalten: plötzliche Verschlechterung bei Annäherungs-Schritten an die Pflegefamilie, Idealisierung der nicht erreichbaren Herkunftseltern, dissoziative Reaktionen bei Kontaktanbahnungen. Das Genogramm — wenn es beide Familien sichtbar nebeneinander hält — kann diesen Konflikt benennbar machen, ohne ihn zu pathologisieren. Die zentrale Frage lautet nicht „Wer ist die richtige Familie?", sondern „Wem darf ich was schulden?".
Genogramm als Biografiearbeit
Anders als in der Erwachsenenberatung ist das Genogramm bei Pflege- und Adoptivkindern oft kein Diagnose-Werkzeug der Fachkraft, sondern ein Biografiearbeits-Werkzeug des Kindes selbst. In der Tradition des „Lebensbuchs" (Ryan & Walker), das in der englischsprachigen Pflegekinderhilfe seit den 1980er Jahren Standard ist, dient das Genogramm dem Kind dazu, die eigene Geschichte zu organisieren, Lücken zu identifizieren, Fragen zu formulieren.
Das Kompetenz-Zentrum Pflegekinder und das Deutsche Jugendinstitut (DJI) empfehlen Biografiearbeit explizit als Schutzfaktor für Identitätsentwicklung bei Pflegekindern. Die Methodik unterscheidet sich grundlegend vom diagnostischen Genogramm: Das Tempo bestimmt das Kind, Lücken dürfen Lücken bleiben, die Reihenfolge der Bearbeitung ist offen, Material darf physisch werden (Fotos, Papierfetzen, gemalte Symbole). Für jüngere Kinder ist hier der Übergang zum Play-Genogramm nach Eliana Gil (siehe Lektion 10) fließend.
Sonderfälle: spät-internationale Adoption, offene Pflege, Verwandtenpflege
Drei Konstellationen verdienen besondere methodische Aufmerksamkeit:
Spät-internationale Adoption: Kinder, die mit fünf, acht oder zehn Jahren aus einem anderen kulturellen und sprachlichen Kontext adoptiert wurden, tragen oft einen massiven Kulturverlust mit sich — Herkunftssprache, Esskultur, Werte-Codes, Rituale. Das Genogramm muss diese kulturelle Dimension explizit machen (siehe Cluster A: kulturelles Genogramm), sonst übersieht es die Hälfte der biografischen Realität.
Offene Pflege mit Kontakt zur Herkunftsfamilie: Hier ist das Genogramm besonders wertvoll, weil es die aktive Beziehung zu beiden Familiensystemen abbildet. Besuchskontakte, Telefongespräche, Geschwisterbeziehungen über die Familiengrenzen hinweg werden als eigene Achse eingezeichnet.
Verwandtenpflege (Großeltern-, Tanten-Pflege): Die juristische Trennung (Pflegeeltern als Sorgerechts-Träger:innen) deckt sich nicht mit der biologischen Position (Großmutter bleibt Großmutter). Das Genogramm muss diese Doppelrollen explizit machen — sonst entstehen Familienmythen, die die juristische Realität verleugnen oder umgekehrt die familiäre Bindung als „nur rechtlich" abtun.
Rechtlicher Rahmen DACH
Für die Praxis im deutschsprachigen Raum sind drei Bezugsrahmen relevant. Das SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) regelt Pflegekinderhilfe und Hilfeplanung; § 36 schreibt die Beteiligung des Kindes an Entscheidungen über sein Lebensumfeld vor — Biografiearbeit ist hier ausdrücklich gedeckt. Die Adoptionsregistereinsicht ist in Deutschland mit Vollendung des 16. Lebensjahres möglich (§ 9b AdVermiG); ab diesem Zeitpunkt können adoptierte Jugendliche Auskunft über ihre leiblichen Eltern beantragen. Die Aktenführung in Pflegekinderdiensten unterliegt eigenen Datenschutzregeln — Genogramme, die in der Beratung mit Pflegekindern entstehen, gehören dem Kind und sollten nicht ohne dessen Einverständnis in die Pflegeakte einfließen.
Praxis-Vignette
Ein zwölfjähriges Pflegekind, das seit dem dritten Lebensjahr in derselben Pflegefamilie lebt, zeichnet im Beratungssetting sein Genogramm. Die leibliche Mutter positioniert es konsequent rechts oben, in einer eigenen, abgesetzten Box. Die Pflegefamilie nimmt es zentral in die Mitte. Auf die Frage, was die räumliche Anordnung bedeutet, antwortet das Kind: „Die [leibliche Mutter] ist meine echte Mutter, aber ich lebe nicht bei ihr. Die [Pflegemutter] ist nicht meine Mutter, aber sie ist da." Diese Aussage wird zum Einstieg ins Gespräch über das eigene Familienkonzept — nicht als therapeutische Intervention, sondern als Würdigung einer reifen, eigenständigen Lösung.
Forschungsstand & Diskussion
Die internationale Adoptionsforschung — insbesondere die Arbeiten von David Brodzinsky und Jesús Palacios — hat in den letzten drei Jahrzehnten einen klaren Konsens etabliert: Offenheit über die Adoption ist der zentrale Schutzfaktor für die psychische Entwicklung adoptierter Kinder. Modelle, die auf Geheimhaltung der Adoption setzten („als ob es ein leibliches Kind wäre"), haben sich nicht bewährt; die Befunde sind über Kulturen und Adoptionsformen hinweg stabil.
Für den deutschsprachigen Raum ist die Pflegekinderforschung von Heinz Kindler (DJI) und Klaus Wolf (Universität Siegen) zentral. Wolf hat in Sozialpädagogische Interventionen in Familien (2015) die deutsche Pflegekinderhilfe in ihrer regionalen Heterogenität dokumentiert und gezeigt, dass die Qualität der Pflegekinderbegleitung stark vom jeweiligen Jugendamt abhängt — ein methodischer Befund mit erheblichen Konsequenzen für die Genogrammpraxis: Was in einem Pflegekinderdienst Standard ist, fehlt im nächsten ganz.
Kontrovers diskutiert wird der Umgang mit Pflegekinder-Akten: Wer hat ein Recht auf Einsicht, wer auf Selbstdarstellung, wie viel familiäre Hypothese darf aktenkundig werden? Karl Heinz Brisch hat in seinen Arbeiten zur Bindungstheorie auf die besondere Vulnerabilität bindungstraumatisierter Pflegekinder hingewiesen und gemahnt, dass jede Form der Geschichtsschreibung über das Kind das Kind selbst nicht entmündigen darf.
Querverweise
- Modul 4 „Play-Genogramm nach Eliana Gil" — kindgerechte Methodik für jüngere Pflege-/Adoptivkinder
- Modul 4 „Forensisches Genogramm und Kindeswohlgefährdung" — der Weg in die Pflege beginnt oft hier
- Modul 4 „Genogramm in Mehrhelfersystemen" — Pflegekinderdienste arbeiten selten allein
Weiterführende Links
- DJI — Deutsches Jugendinstitut: Pflegekinderhilfe — Forschungs- und Praxisplattform
- Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter — Adoption — Adoptionspraxis Deutschland
- Kompetenz-Zentrum Pflegekinder — Fortbildung und Materialien
- socialnet Lexikon: Pflegekinder — Fachlexikon Soziale Arbeit